21
Wer möchte ſich würdig fühlen, jene großen Todten gebührend zu preiſen? Und ſo geſtatten Sie mir, Hochgeehrte Anweſenden, daß ich ſtatt prunkvoller Lobrede an dieſer Stelle die einfachen herrlichen Worte wiederhole, mit welchen ein Theodor Körner ſich ſelbſt wie die jugendliche Mit⸗ und Nachwelt zum ſiegreichen Tod für die heilige Sache der Freiheit begeiſtert hat: „Wer muthig für ſein Vaterland gefallen, Der baut ſich ſelbſt ein ewig Monument Im treuen Herzen ſeiner Landesbrüder, Und dies Gebäude ſtürzt kein Sturmwind nieder.“ Uns aber, den Lebenden, kommt es zu, der großen Aufgabe uns zu weihen, welche die gefallenen Helden uns hinterlaſſen haben: uns mit neuer und fortgeſetzter Opferwilligkeit zu erfüllen für's Vater⸗ land, dem jene theuern Todten ganz und unverkürzt ihr eigenes Selbſt geopfert.
Was für ein Theil an der Löſung dieſer hohen und edeln Aufgabe der Schule überlaſſen bleibe, in welcher Weiſe die Vaterlandsidee in der Erziehung gewiſſermaßen lebendige Geſtalt gewinnen ſolle, dies in kurzen Zügen mehr anzudeuten als auszuführen, habe ich mir als Ziel meiner Anſprache vorgeſetzt.
Die Schule berichtet von einer Zeit, da opferten die Menſchen ihre Kinder, welche ſie dem Moloch in die feurigen Arme legten; da tödtete Joram den eigenen Sohn und Jephta die eigene Tochter als Dankopfer für errungenen Sieg. Dieſer menſchenunwürdige Begriff eines Opfers hat im Chriſtenthum ſeine Läuterung erfahren, und heute verſtehen wir kaum mehr, wie ehedem die Freude des Dankes in blutigen Opfermahlen ihren Ausdruck finden konnte. Dagegen liegt in unſeren Tagen nach einer anderen Richtung die Gefahr einer Verirrung nahe, deren Folgen Deutſchland zu ſpät beklagen würde, wenn nicht ſein guter Genius eben jene Verirrung an dem geſunden Sinne des Volkes ſcheitern ließe. Wir meinen jene Art von patriotiſcher Begeiſterung, unter welcher gar leicht die maßvolle Beſonnenheit eingebüßt wird, die ſtets der Nation zur Ehre und Zierde gereicht hat. Je mehr aber ein Herz erglüht iſt in aufrichtiger Liebe zum Vaterlande, um ſo weniger braucht es ſich zu ſcheuen, vor einem Uebermaß von ſogenanntem Patriotismus zu warnen, der ſich in eitler Selbſt⸗ beſpiegelung und läppiſcher Selbſtvergötterung gefällt. Am allerwenigſten aber darf die Schule die Hand dazu bieten, die Seelen der Jünglinge mit nationalem Dünkel und Eitelkeit zu erfüllen oder durch abſtumpfende, betäubende und verwirrende Mittel am Ende gar ihren Zöglingen die Freude an vaterländiſcher Größe zu verleiden.
Das ſind Gedanken, wie ſie nicht blos in mir, ſondern auch in andern Vaterlandsfreunden rege geworden ſind bei dem Durchblättern ſo mancher Programme von Gymnaſien und Bürgerſchulen, in denen der Schlußaktus von nicht endenwollenden Deklamationen trieft über die Vortrefflichkeit des deutſchen Vaterlandes von den ſchönen innigen Strophen Walthers von der Vogelweide an durch alle Jahrhunderte bis herab auf die zahlloſen Dichtungen, welche der letzte Krieg erweckt hat, und von welchen keine einzige ſo ins Herz des Volkes übergegangen iſt, daß ſie als ein dauernder ſchöner Beſitz angeſehen werden könnte. Wenn wir uns erinnern, daß gerade das anſpruchsloſeſte aller Lieder: „Die Wacht am Rhein“— nach Art des Volksliedes faſt ein anonymes Werk— mit mächt'gem Donnerhall ſo zu ſagen den Weg zum todesmuthigen Siege bahnte, ſo werden wir keinen Augenblick zweifeln, daß gewiß nicht jene Ueberladung mit paradirendem Patriotismus angezeigt iſt, um die Herzen Aller und beſonders der Jugend für die hohe Idee des Vaterlandes zu entflammen.
Die Schule alſo, die ihre Aufgabe in Bezug auf nationale Erziehung richtig erfaßt, wird ſich von dem Grundſatze leiten laſſen, daß die Vaterlandsliebe wie eine Religion iſt, deren innerſte Kraft den Jüngling in all ſeinem Thun jederzeit durchdringen ſoll, deren Cultus aber den Stunden der


