Aufsatz 
Über Schillers Entwicklungsgang. Festschrift zur 100jährigen Gedächtnisfeier seines Todes
Entstehung
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24 Orleans dient der Verherrlichung der Heldenjungfrau, die durch ihren Sieg über innere und außere Feinde die Befreiung ihres Vaterlandes von dem Joche der englischen Herrschaft zustande bringt.

Schillers religiöser Standpunkt auf dieser Stufe seiner Entwicklung ist etwa folgender: Die religiöse Uberzeugung überhaupt ist in seinen Augen ein zartes Gebilde, welches, wenn es seine Bestimmung erfüllen soll, geradeso wie jedes schöne Gebilde der Natur und Kunst autonom und daher individuell geartet sein muß. So ist sein Bekenntnis zu verstehen in den Xenien, mein Glaube überschrieben.

Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, Die du mir nennst.Und warum keine?*) Aus Religion. Daran schließt sich das Distichon: Realist und Idealist. Beide suchen die Wahrheit. Der eine im Herzen und jener Außen im Leben, und so findet sie jeder gewiß.**) Und weiter:Ist dein Auge gesund, so zeigt es dir außen den Schöpfer, Ist es dein Herz, dann gewiß zeigt es dir innen die Welt.***)

Für die Kirche in der Form, die sie damals hatte, fehlte ihm nach Art des um das historisch Gewordene unbekümmerten Subjektivismus seiner Zeit jedes Interesse. Charakteristisch für die Zeit ist sein Bekenntnis bei Gelegenheit der Beurteilung des 6. Buches von Wilhelm Meisters Lehrjahren:Ich finde in der christlichen Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß deswegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen dieses Höchsten sind.

Die Religion ist dem durch Leiden so schwer geprüften Manne die kräftigste Stütze gewesen; er hat fest geglaubt an das Walten einer gütigen Vorsehung. Als er in der Mitte der 90 er Jahre einen Ruf erhielt an die Universität Tübingen und ablehnte, schrieb er an Goethe:Für meine Existenz glaube ich nichts besorgen zu dürfen, solange ich noch einiger- maßen die Feder führen kann, und so lasse ich den Himmel walten, der mich noch nie ver- lassen hat. Derartige Bekenntnisse finden sich wiederholt in seinen Briefen. Das Gedicht Die Worte des Glaubens vom Jahre 1797 gibt in großen Grundzügen auch seine religiöse Uberzeugung wieder:

Drei Worte nenn' ich euch, inhaltschwer,

Sie gehen von Munde zu Munde;

Doch stammen sie nicht von außen her,

Das Herz nur gibt davon Kunde.

Dem Menschen ist aller Wert geraubt,

Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, Und würd' er in Ketten geboren. Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei, Nicht den Mißbrauch rasender Toren! Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Menschen erzittert nicht! *) Nr. 203 Schriften der Goethe-Gesellschaft S.**) Nr. 4 a. a. O. x⁴⁴ Nr. 5. 4. a. O.