Aufsatz 
Über Schillers Entwicklungsgang. Festschrift zur 100jährigen Gedächtnisfeier seines Todes
Entstehung
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Auch die Geschichtsforschnng stellt dieses Motiv in den Vordergrund. So findet sich in Schillers Geschichte des 30 jährigen Krieges der Satz:Zur Steuer der Gerechtigkeit muß man gestehen, daß es nicht ganz treue Federn sind, die uns die Geschichte dieses außerordent- lichen Mannes überliefert haben, und daß die Verräterei des Herzogs und sein Entwurf auf die böhmische Krone sich auf keine strengbewiesene Tatsache, sondern bloß auf wahrscheinliche Vermutung gründen.*) Viele seiner getadeltsten Schritte beweisen bloß seine ernstliche Neigung zum Frieden. Keine seiner Taten berechtigt uns, ihn der Verräterei überwiesen zu halten. So fiel Wallenstein, nicht weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel. Bei Ranke findet sich folgendes: Er(Wallenstein) lebte immer nur in seinen großen Entwürfen, in denen sich allerdings das öffentliche Interesse mit Privatabsichten mischte, aber, wenn wir ihn nicht mißverstehen, diese überwog, mit einer Zuversicht, die ihn selbst verblendete.**) Und an anderer Stelle: Wenn man die Intentionen eines bedeutenden Mannes, die nicht auf- geschrieben werden, aus seinen Xußerungen, seinen Präzedenzen und seiner Lage abnehmen darf denn etwas Hypothetisches bleibt in dem Dunkel menschlicher Antriebe und Ziele immer übrig so wage ich dies als die vornehmste Absicht Wallensteins zu bezeichnen: Er dachte noch mit Hülfe der beiden norddeutschen Kurfürsten die Angelegenheiten des Reichs auf der Grundlage des Religionsfriedens zu ordnen. Zugleich wollte er die Armeen und ihre Ansprüche befriedigen und zugleich den Umfang seines eigenen Gebietes und die Zukunft seines Hauses festsetzen.***)

Die Ubersiedelung Schillers nach Weimar an den Sitz des Theaters um die Wende des Jahrhunderts hat zu weiterem dramatischen Schaffen die Anregung gegeben. Neben dem Wallenstein hat der Dichter noch einen ungewohnten Weg eingeschlagen, indem er die Braut von Messina nach dem Vorbild der Antike aber in freier Nachahmung schuf 1803. In dieser Dichtung klingen die auf Goethes und Humboldts Anregung immer wieder erneuten Studien der Antike aus. Neben den leidenschaftlichen Kämpfen um persönliche Interessen einzelner Glieder des Hauses ist besonders der Fall der tragischen Kunst hier dargestellt, in welchem der Held(Don Cesar) eine schwere Tat der Leidenschaft moralisch büßt. Der eigent- liche Reiz der Dichtung liegt freilich mehr in den mit ausnehmender Anmut der Sprache ausgearbeiteten Chorgesängen, die sich über die Aufgaben und Schicksalswendungen des Lebens verbreiten nach dem Vorbilde der Alten. In der Dichtung eine Schicksalstragödie nach dem Muster des Sophokleischen König Odipus zu sehen, ist nicht angängig. Es kann doch nur als Zufall angesehen werden, wenn die Zukunft voraussagende Orakelsprüche in Erfüllung gehen. Die Personen, die sie angehen, mögen sie nach ihrer Einsicht deuten, der Dichter rechnet mit dem Glauben und Aberglauben der Umgebung, in der die Handlung spielt. Aus dem Zusammenhange des Ganzen geht ja doch als Endresultat der moralische Lehrsatz hervor:

Das Leben ist der Güter höchstes nicht, Der Ubel größtes aber ist die Schuld.

Hier sowohl, wo altgriechische, arabische, mohamedanische und christliche Religion zusammenstoßen, wie in der Maria Stuart und der Jungfrau von Orleans ist das Christentum in seiner mittelalterlichen Form vorausgesetzt. Maria Stuart ist in dem herben Leid, das ihr die Abbüßung ihres früheren verbrecherischen Lebendswandels und andererseits harte und gefühllose Staatsraison zufügt, ein rechter Gegenstand tiefsten Mitleids. Die Jungfrau von

*) Ende von II., 4.**) Ranke, Wallenstein. 4. Aufl. S. 295.**) Ranke a. a. O. S. 289/90.