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Goethes Meinung,„daß in seiner Art zum 2. Male nicht etwas Xhnliches vorhanden ist.“¹*) 3 bis 4 Jahre hat er intensiver daran gearbeitet. Lebhaft kommt dem Dichter dabei zum Bewustsein, daß im Vergleich zu seinen früheren dramatischen Arbeiten ein Neues zu pflügen ist; einmal treibt ihn keine persönliche Sympathie mit dem Stoffe oder seinen Helden, mit Ausnahme des Max Piccolomini, zur Ausführung, dann aber entschließt er sich trotz des Ab- ratens Humboldts definitiv, das Stück in Versen zu schreiben; durch Jamben meint er, würde es mehr poetische Würde, durch die Prosa mehr Ungezwungenheit erhalten.**) Erst am 14. November 1797 teilt er Cotta mit, daß er sich nun doch noch entschlossen habe, ihn in Jamben zu bearbeiten, um auch die letzte Forderung zu erfüllen, die an eine vollkommene Tragödie gemacht werde.***v) Hierzu fügt er dann am 20. November:„Ich begreife kaum, wie ich es je anders habe wollen können; es ist unmöglich, ein Gedicht in Prosa zu schreiben; — was ich gemacht habe, ist jetzt erst eine Tragödie zu nennen. Seitdem ich meine prosaische Sprache in eine poetisch-rhythmische verwandle, befinde ich mich unter einer ganz anderen Gerichtsbarkeit als vorher; selbst viele Motive, die in der prosaischen Ausführung recht gut am Platz zu stehen schienen, kann ich jetzt nicht mehr brauchen.— Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muß, in Versen konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ans Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.“ Khnlich spricht er sich in der Vorrede zur Braut von Messina aus„über den Gebrauch des Chors in der Tragödie.“
Das umfangreiche Material zum Wallenstein zwingt ihn, es auf drei Stücke zu ver- teilen, von denen er das erste,(Das Lager) ein Lustspiel, das zweite(Die Piccolomini) ein Schauspiel, das dritte(Wallensteins Tod) ein Trauerspiel nennt. Unter den Gesichtspunkten seines Aufsatzes über den Gegensatz zwischen Idealisten und Realisten(letzter Teil des Auf- satzes über naive und sentimentalische Dichtung) führt er in diesem Drama Wallenstein als ausgesprochenen Realisten, Max Piccolomini als Vertreter idealistischer Denkungsart vor. Daß der Ehrgeiz es ist, der Wallenstein verführt, und daß der Held scheitern muß an dem durch seine Leidenschaft herbeigeführten treulosen Verrate an seinem Kaiser, darin stimmen alle Kritiker überein. Nicht ganz korrekt aber ist es, wenn das letzte und edelste Motiv von Wallensteins Handeln als nicht ernst gemeint betrachtet wird. Max Piccolomini spricht schon II, 4 davon: Man schwärzt ihn an, weil an Europas großem Bestem ihm mehr liegt, als an ein paar Hufen Landes, die Oesterreich mehr hat oder weniger, und weil er, um dem ge- plagten Reich den Frieden zu geben, die Sachsen schont und beim Feinde Vertrauen zu er- wecken sucht. So auch Wallensteins eigne Aussprache gegenüber dem Gefreiten mit den 10. Pappenheimischen Kürassieren in„Wallensteins Tod“. III 15:
„Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmer Erblicken! Dieser Krieg verschlingt uns alle. Osterreich will keinen Frieden; darum eben, Weil ich den Frieden suche, muß ich fallen. Was kümmert's Osterreich, ob der lange Krieg Die Heere aufreibt und die Welt verwüstet,
Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.“
*) Gespräche mit Eckermann. I. S. 261. **) Brief 1134 vom 28. November 96.***) Brief 1271.


