Aufsatz 
Über Schillers Entwicklungsgang. Festschrift zur 100jährigen Gedächtnisfeier seines Todes
Entstehung
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Das Angenehmste, was Sie mir melden können, ist Ihre Beharrlichkeit an Wallen- stein und Ihr Glaube an die Möglichkeit einer Vollendung; denn nach dem tollen Wagestück mit den Xenien müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke beffeißigen und unsere proteische Natur zur Beschämung aller Gegner in die Gestalten des Edlen und Guten um- wandeln.*) Damit war das Signal gegeben zur Zusammenfassung aller Kräfte, damit aber auch in Aussicht gestellt, den Höhepunkt deutschen poetischen Schaffens zu ersteigen; der Appell Goethes wirkte.

Er selbst schuf sein bürgerliches EposHermann und Dorothea; ihm persönlich in dem Grade ans Herz gewachsen, daß er es gelegentlich als das von seinen Werken bezeichnet, welches ihm beim Wiederlesen immer neue Freude bereite. Wie hoch Schiller aber des Freundes Werk geschätzt hat, sagte er in einem Briefe an H. Meyer vom 21. Juli 1797: Wir sind indes nicht untätig gewesen, wie Sie wissen, und am wenigsten unser Freund, der sich in diesen letzten Jahren wirklich selbst übertroffen hat. Sein episches Gedicht haben Sie ge- lesen; Sie werden gestehen, daß es der Gipfel seiner und unserer ganzen neueren Kunst ist.

Schiller blieb nicht im Hintertreffen. Die Jahre 1797 und 98 hat man als seine Balladenjahre bezeichnet. Und das mit Recht. Welche stattliche Reihe der herrlichsten episch-lyrischen Produkte dieser Art hat er geschaffen, denen der Stempel der Schönheit in einem Grade aufgedrückt ist, daß sie geradezu zum Eigentum des bildungsbeflissenen Bürgers nicht nur im deutschen Vaterlande, sondern auch in der Fremde geworden sind. Für die Lesebücher unserer Schulen liefern sie in der Tat einen Stoff, der gar nicht mehr zu ent- behren ist. Und nicht nur dem Einfacheren und noch weniger von der Wissenschaft Be- rührten gewähren sie einen einzigartigen Genuß, und nicht bloß den Schüler statten sie mit den wertvollsten Erinnerungen fürs Leben aus, sondern auch der Gebildete kann sich immer wieder daran erwärmen, wenn er mit tieferm Verständnis sich darauf einläßt, die ganz außer- ordentliche Kunst zu verfolgen, vermöge deren es dem Dichter gelungen ist, solche zu ewiger Dauer berufenen Schätze des Genius ins Dasein zu rufen. Mag Schiller sich in die Mythen und Sagen der Alten versenken oder irgendwelche Motive aus interessanten Vorkommnissen alter und neuer Zeit zu Wasser oder zu Lande zum Gegenstande seiner Darstellung machen, immer beinah und überall versteht er es, die Blumen des dichterischen vom Gegen- stande so rein und glücklich zu brechen, wie es nur möglich ist. Man denke nur an die Behandlung antiker Stoffe, wieDie Kraniche des Ibykus, Der Ring des Polykrates, Die Bürg- schaft, das eleusische Fest; dann aus etwas späteren TagenHero und Leander, Kassandra, Das Siegesfoste. Wie viele ähnliche Gedichte allgemeiner Ntnr aus der christlichen Zeit wie Der Handschuh, Ritter Toggenburg, Der Gang nach dem Eisenhammer, Der Kampf mit dem Drachen und dann noch aus dem vorletzten Lebensjahr Der Graf von Habsburg! Dazu kommt dann noch eine Reihe schöner, sehr verschieden gearteter Ideendichtungen, darunter an oberster StelleDie Glocke.

Schillers Talent war aber auch fürs Theater geschaffen, urteilt Goethe über ihn.**) Wie sehr er damit recht hat, beweist die lange Reihe der hervorragendsten Tragõdien oder Schauspiele aus seinen letzten 9 Jahren. Wallenstein an erster Stelle; er ist so groß nach

*) Goethe an Schiller vom 15. Nov. 1796 in Goethes Briefen, Ausg. Goethe-Gesellschaft 11 S. 263. **) Gespräche mit Eckermann. I. S. 137.