Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall, Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt' er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.
Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, Wie auch der menschliche wanke;
Hoch über der Zeit und dem Raume webt Lebendig der höchste Gedanke,
Und ob alles in ewigem Wechsel kreist, Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.
Die drei Worte bewahret euch, inhaltschwer,
Sie pflanzet von Munde zu Munde,
Und stammen sie gleich nicht von außen her, Euer Innres gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist nimmer sein Wert geraubt, So lang' er noch an die drei Worte glaubt.
Am wärmsten schlägt sein Herz für den Gedanken nationaler Unabhängigkeit. In der politischen und bürgerlichen Freiheit sieht er das heiligste aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengung. Nichtswürdig, heißt es in der Jungfrau von Orleans, ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre.
Immer dunklere Wolken waren inzwischen in den letzten Lebensjahren Schillers am Horizont des politischen Himmels über Deutschland emporgestiegen mit Napoleons Wachsen. Es mochte die Ahnung des Genius sein von dem, was seinem Volke in den kommenden Tagen vor allem andern not tat, was ihn zur Dichtung des Tell trieb. Die Mahnung des Freiherrn von Attinghausen an seinen Neffen wendet sich auch heute noch an jedes deutsche Herz:
Ans Vaterland, ans teure schließ' dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen!
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Insbesondere aber das Abschiedswort des alten Freiherrn:
Seid einig, einig, einig!
Als Schiller gestorben war, gab sein Schwager Wilhelm von Wolzogen dem Jugend- freunde des Dichters, dem Bildhauer Dannecker die Nachricht davon, und dieser antwortete: „Ich glaubte, die Brust müßte mir zerspringen, und so plagte mich's den ganzen Tag. Den anderen Morgen beim Erwachen war der göttliche Mann vor meinen Augen; da kam mir's in den Sinn, ich will Schiller lebig machen, aber der kann nicht anders lebig sein als kolossal. Schiller muß kolossal in der Bildhauerei leben.“
Dannecker hat Wort gehalten. Die Kolossalstatue Schillers, die er schuf, ist jetzt eine Zierde des Stuttgarter Museums der bildenden Künste.*) Was Dannecker ausdrücken
*) Schiller, Intimes aus seinem Leben von E. Müller. S. 232.


