Aufsatz 
Über Schillers Entwicklungsgang. Festschrift zur 100jährigen Gedächtnisfeier seines Todes
Entstehung
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19 des Sittengesetzes mit den Schranken seiner endlichen Kraft vergleicht. Wenn er sich aber zugleich ästhetisch ausbildet, d. h. wenn er sein Inneres für die Welt des Schönen empfäng- lich macht und durch Aneignung derselben zu einer höheren Natur umschafft, sodaß er edler begehren lernt und nicht nötig hat, erhaben zu wollen, oder daß das, was ihm vorher als auferlegte Pflicht gegenüberstand, freiwillige Neigung wird, so hört jener Widerstreit in ihm auf. Der Höhepunkt der Entwicklung ist dann das Ideal selbst, hier durch das Beispiel des Herkules nach altgriechischer Weise illustriert, wie im Anfange der Gottesgedanke in alt- griechischer religiöser Anschauung.

Nicht lange danach schuf Schiller das bekannteste seiner kulturhistorischen Gedichte, anfänglich Elegie, später der Spaziergang überschrieben. Goethe und die andern Freunde Schillers, wie Humboldt, Körner, Herder, hatten ihr besonderes Wohlgefallen an demselben, und auch Schiller war der Meinung, sein Dichtertalent habe sich hier erweitert; es lehnt sich an die Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung an, indem es den Entwiklungs- gang der Menschheit von der Natur zur Kultur und schließlich zur Rückkehr aus der korrum- pierten Kultur zur erneuten Natur in wunderbaren Versen zur Darstellung bringt. Aus der langen Reihe weiterer Proben von Ideendichtung hat nach Schillers Mitteilung an Wilhelm von Humboldt Goethe das Gedicht dieIdeale, KörnerNatur und Schule, späterGenius genannt, Herder denTanz zu seinem Liebling erkoren. Wilhelm von Humboldt schwärmte für dieMacht des Gesanges.

Goethes lyrische Muse hatte in den letzten Jahren beinah geschwiegen, nur Kalliope war nicht ganz verstummt; freilich war ihre Stimmung zu rhythmischem Schaffen nicht ge- hoben genug; der RomanWilhelm Meisters Lehrjahre wurde zunächst zum Abschlusse ge- bracht unter den Anregungen Schillers. Dieser begleitet sein Erscheinen mit gespannten Blicken und spricht immer wieder seine Freude aus über einzelne Bücher.Mit wahrer Herzenslust, antwortet er auf Goethes Zusendung,habe ich das erste Buch durchlesen und spricht sich ähnlich über die folgenden aus. Goethe meinte er, habe ihm einen Genuß bereitet, wie er ihn lange nicht und nie als durch ihn gehabt habe.*) Mit dem 6. ist er nicht ganz ein- verstanden, aber das 7. nennt er vortrefflich.**) Als er das Ende des Romans liest, erklärt er, er sei ganz voll davon. Ein Gedichtchen aus dem 8. Buche schreibt er ab, um es Körner zuzusenden.Es ist himmlisch, drückt er sich aus, vnichts geht darüber. Mignon singt's, die in dem Roman stirbt.***) Es ist das Lied:So laßt mich scheinen, bis ich werde etc. Uber den ganzen Roman urteilt er: Unendliche Tiefe bei einer ruhigen Fläche, die Goethe überhaupt eigen, sei ein vorzüglicher Charakterzug desselben.)

Die eingehendere Beurteilung Schillers ist außerordentlich lehrreich und gibt die schönsten Winke zum Verständnis. Die anziehendste Gestalt scheint ihm Natalie zu sein, die mehr als die Stiftsdame das Prädikat einer schönen Seele verdiene, weil die Liebe ihre Natur, ihr permanenter Charakter sei. ††) Er versichert, es gehöre zu dem schönsten Glück seines Daseins, die Vollendung dieses Werkes erlebt zu haben. Dem Vortrefflichen gegenüber gebe es keine Freiheit als die Liebe. ◻ñ†)

Als nach langer Unterbrechung des rhytmischen Schaffens Goethes endlich die Idylle Alexis und Dora in demselben Jahre erscheint, begrüßt Schiller sie mit den Worten: Gewiß

*) Brief 784.**) Brief 1038.***) Brief 1052.) Brief 1053.) Brief 1056. †††) Brief 1054.