Aufsatz 
Über Schillers Entwicklungsgang. Festschrift zur 100jährigen Gedächtnisfeier seines Todes
Entstehung
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Damals erschien das Gedicht, in welchem viele einen Höhepunkt seiner lyrischen Kunst sehen. Körner kündigt er es an als ein poetisches Hauptwerk unter allen, die er ge- macht habe.*) Bald darauf sendet er es ihm zu mit der geheimnisvollen Bemerkung: Das heutige Gedicht begleite ich nicht gern mit einem andern. Es muß dich allein beschäftigen, und es wird es auch, wie ich vermute. Schließlich rückt er heraus mit der Sprache; wir erfahren von ihm:Es freut mich, daß dieSchatten dich befriedigt haben. Es handelt sich um das Gedicht, das früherDas Reich der Schatten, überschrieben, späterIdeal und Leben, betitelt wurde zum Schutze gegen Mißverständnisse. Mächtiger war der Eindruck, welchen Wilh. von Humboldt von dem Gedicht erhielt. Als Schiller es ihm zugesandt hatte am 9. August mit den Worten:Wenn Sie diesen Brief erhalten, liebster Freund, so entfernen Sie alles, was profan ist und lesen es in geweihter Stille. Haben Sie es gelesen, so schließen Sie sich mit Ihrer Frau ein und lesen es ihr vor. Es tut mir leid, dass ich es nicht selbst kann, und ich schenke es Ihnen nicht, wenn Sie einmal hier sein werden. Ich gestehe, daß ich nicht wenig mit mir zufrieden bin, und habe ich je die gute Meinung verdient, die Sie von mir haben, und deren Ihr letzter Brief mich versicherte, so ist es durch diese Arbeit. Und Humboldt antwortet am 24. August:Wie soll ich Ihnen für den unbeschreiblich hohen Genuß danken, den mir Ihr Gedicht gegeben hat. Es hat mich seit dem Tage, an dem ich es empfing, im eigentlichsten Verstande ganz besessen, ich habe nichts anderes gelesen, kaum etwas anderes gedacht, ich habe es mir auf eine Weise zu eigen machen können, die mip noch mit keinem andern Gedicht gelungen ist, und ich fühle es lebhaft, daß es mich noch sehr lange und anhaltend beschäftigen wird; solch einen Umfang und solch eine Tiefe der Ideen enthält es nie hat sich mir die Produktion des Genies so rein offenbart wie hier, es ist schlechterdings mit keiner Ihrer frühern poetischen Arbeiten zu vergleichen. Es trägt das volle Gepräge Ihres Genies und die höchste Reife und ist ein treues Abbild Ihres Lebens. So Humboldt; Schiller aber kann nicht umhin, einzugestehen: Das Reich der Schatten ist mir unter meinen Gedichten das liebste.

Das Gedicht ist aus den Briefen über ästhetische Erziehung erwachsen, ist aber viel- fach mißverstanden worden. Schon Körner gegenüber gibt Schiller zu, daß sein System des Schönen der beste Schlüssel dazu sei, zumal als Humboldt ihm berichtet hatte, in Berlin halte man es für eine Darstellung des Totenreiches. Deshalb spricht Schiller selbst gelegentlich den Wunsch nach einer Erklärung aus. Zum Verständnis des Gedankengangs möge folgendes dienen: Nur beim absoluten Wesen, bei der Gottheit, damit beginnt das Gedicht, fällt physische Notwendigkeit mit der moralischen zusammen; kein Zwiespalt herrscht hier zwischen Sinnen- glück und Seelenfrieden. Anders ist es beim Menschen; das sinnliche Begehren hindert den vollen Aufstieg bis zum Ideal. Nur die Welt des Schönen in Natur und Kunst läßt Beispiele jenes Einsseins des Sinnenwesens mit der Idee in die Erscheinung treten, um das das Leben mit seinen Aufgaben und Kämpfen den Menschen bringt. Eine Reihe von Bildern aus dem wirk- lichen Leben wird dann in Parallele gestellt mit Beispielen aus der Welt des Schönen und Erhabenen. In Strophe 11:aber flüchtet aus der Sinne Schranken in die Freiheit der Ge- danken etc. ist unter dem Reich der Freiheit der Gedanken das Reich des Asthetischen zu verstehen. Der Sinn kann dann nur der sein(so Humboldt): der im wirklichen Leben nach sittlicher Vollendung strebende Mensch wird leicht mutlos, wenn er die unendliche Forderung

*) Brief an Körner vom 31. August 1795.