Aufsatz 
Über Schillers Entwicklungsgang. Festschrift zur 100jährigen Gedächtnisfeier seines Todes
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

Für den rohen Naturmenschen ist das Schöne insbesondere Bedürfnis, für den schon

kultivierten Menschen das Erhabene, denn nur zu gerne verscherzt er im Stand der Ver- feinerung eine Kraft, die er aus dem Stand der Wildheit herüberbrachte.

Am Schlusse der Briefe weist er auf die Kraft der Schönheit hin alle Welt zu beglücken, weil jedes Auge für sie empfänglich sei. So sei sie allein imstande, im Reiche des ästhetischen Scheins das Ideal der Gleichheit zu erfüllen, welches der Schwärmer so gern auch dem Wesen nach realisiert sehe.

Nachdem erwiesen worden ist, daß das Xsthetische ein notwendiges Ubergangsglied ist bei der Entwicklung des sinnlichen Menschen in den vernünftigen, fordert er den Künstler auf: Verjage denn die Willkür, die Frivolität, die Roheit aus den Vergnügungen der Menschen, so wirst du sie unvermerkt auch aus ihren Handlungen, endlich aus ihren Gesinnungen ver- bannen. Wo du sie findest, umgib sie mit edlen, mit großen, mit geistreichen Formen, schließe sie ringsum mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, bis der Schein die Wirklich- keit und die Kunst die Natur überwindet. In der Anrede an die Künstler vom Jahre 1789 hatte es schon geheißen:

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, Bewahret sie!

Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben! Der Dichtung heilige Magie

Dient einem weisen Weltenplane,

Still lenke sie zum Ozeane

Der großen Harmonie!

Daß nun aber der Dichter das, was seine Zeit, ja was alle Zeit so nötig hat zum geistigen Gedeihen wie das tägliche Brot zum physischen, nicht bloß richtig erkannt, sondern auch wirklich durch produktive Arbeit geliefert hat und zwar in ganz hervorragender Güte und Fülle, das ist, was seinem Verdienste erst die Krone aufsetzt.

Noch sann er über die verschiedenen Formen der Poesie nach sein Aufsatz über naive und sentimentalische Dichtung vom Jahre 1795 bezeugt das, da legte er auch schon Hand an neues poetisches Schaffen. Ein freundlicher Stern hatte abermals ihm zu leuchten begonnen; Goethe war ihm näher getreten(1794). Aus erst nur flüchtiger Berührung wird bald eine dauernde Freundschaft und siehe da! aus der immer enger sich zusammenschließenden Seelengemeinschaft erwächst beiden ein Flor von Geistesblüten, wie die Weltgeschichte kaum einen zweiten aufzuweisen hat. Das ist die dritte und höchste Stufe in Schillers Entwicklungs- gang, die Periode seiner Meisterschaft.

Was die Werke dieser Periode auszeichnet vor den früheren, ist zunächst die größere Objektivität; nicht mehr bloß, was ihm unter dem Nagel brennt, wird Gegenstand seiner Muse; seine ästhetischen Studien haben ihn gelehrt, daß der Dichtung Aufgabe ist, der Menschheit ihren möglichst vollständigen Ausdruck zu geben. Aus der Verschiedenheit der Anschauungsweise erklärt sich der Charakter der verschiedenen Dichtungsarten: Hier naive Dichtung, Nachahmung des Wirklichen; dort sentimentalische Darstellung des Ideals.(Satire, Elegie, Idylle.) Im Hintergrunde aber von Schillers Wirken liegt unentwegt der Impuls, seinem Volke den Weg zu bahnen zur sittlichen Freiheit durch die bezaubernde Macht des