Aufsatz 
Über Schillers Entwicklungsgang. Festschrift zur 100jährigen Gedächtnisfeier seines Todes
Entstehung
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grunde jener Bewegung laure, von der man gehofft hatte, daß sie den Ubergang vom Natur- staate zum Vernunftstaate mit sich bringen werde. Auch Schiller waren solche Gedanken nicht fern geblieben. Nun wird er stutzig. Soll man, so fragt er den Prinzen, nun den Gedanken an politische und bürgerliche Freiheit fahren lassen? Aber er braucht nicht viel Zeit, sich auf die Antwort zu besinnen. Nein, antwortet er sich selbst, nichts weniger als das.Politische uud bürgerliche Freiheit bleibt immer und ewig das heiligste aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen und das große Centrum aller Kultur, aber man wird diesen herrlichen Bau nur auf dem festen Grunde eines veredelten Charakters auf- führen, und man wird damit anfangen müssen, für die Verfassung Bürger zu erschaffen, ehe man den Bürgern eine Verfassung geben kann. Auf den Charakter wird bekanntlich durch Berichtigung der Begriffe und durch Reinigung der Gefühle gewirkt. Jenes ist das Geschäft der philosophischen, dieses vorzugsweise der ästhetischen Kultur. Aufklärung der Begriffe kann es allein nicht ausrichten, denn von dem Kopf ist noch ein gar weiter Weg zum Herzen, und bei weitem der größere Teil der Menschen wird durch Empfindungen zum Handeln bestimmt. Aber das Herz allein ist ein ebenso unsicherer Führer, und die zarteste Empfind- samkeit wird nur ein desto leichterer Raub der Schwärmerei, wenn ein heller Verstand sie nicht leitet. Gesundheit des Kopfes wird also mit der Reinheit des Willens zusammentreffen müssen, wenn der Charakter vollendet heißen soll.

Das dringendere Bedürfnis unseres Zeitalters scheint mir die Veredlung der Gefühle und die sittliche Reinigung des Willens zu sein, denn für die Aufklärung des Verstandes ist schon sehr viel getan worden. Es fehlt uns nicht sowohl an der Kenntnis der Wahrheit und des Rechts, als an der Wirksammkeit dieser Erkenntnis zu Bestimmung des Willens, nicht sowohl an Licht als an Wärme, nicht sowohl an philosophischer als an ästhetischer Kultur- Diese letztere halte ich für das wirksamste Instrument der Charakterbildung und zugleich für dasjenige, welches von dem politischen Zustand vollkommen unabhängig und also auch ohne Hülfe des Staats zu erhalten ist.

Und hier ist es nun, gnädigster Prinz, wo die Kunst und der Geschmack ihre bildende Hand an den Menschen legen und ihren veredelnden Einfluß beweisen. Die Künste des Schönen und Erhabenen beleben, üben und verfeinern das Empfindungsvermögen, sie erheben den Geist von den groben Vergnügungen des Stoffes zum reinen Wohlgefallen an bloßen Formen und gewöhnen ihn, auch in seine Genüsse Selbsttätigkeit zu mischen. Die wahre Verfeinerung der Gefühle besteht aber jederzeit darin, daß der höhern Natur des Menschen und dem gött⸗ lichen Teil seines Wesens, seiner Vernunft und seiner Freiheit ein Anteil daran verschafft wird.

Wenn Sinnes Lust und Sinnes Schmerz

Vereinigt um des Menschen Herz

Den tausendfachen Knoten schlingen

Und zu dem Staub ihn niederziehn,

Wer ist sein Schutz? Wer rettet ihn?

Die Künste, die an goldnen Ringen

Ihn aufwärts zu der Freiheit ziehn.

Und durch den Reiz veredelter Gestalten

Ihn zwischen Erd und Himmel schwebend halten.