14 Hier empfängt dich entschlossen und ernst und schweigend der andre, Trägt mit gigantischem Arm über die Tiefe dich hin. Nimmer widme dich einem allein! Vertraue dem erstern Deine Würde nicht an, nimmer dem andern dein Glück!
Wenngleich nun Schiller das Schöne und Erhabene und damit die Welt des Asthe- tischen zur Moral in so nahe Beziehung treten läßt, so bleibt er sich doch dessen wohl be- wußt, daß die Asthetik bei aller Verwandtschaft zwischen beiden durchaus auf eignen Füßen steht, ein selbständiges Gebiet für sich ist; er stimmt da ganz überein mit Kant, der diese Entdeckung gemacht hat. Sittlichkeit beruht auf Bestimmung durch reine Vernunft, Schön- heit, als eine Eigenschaft der Erscheinungen, ist Bestimmung durch reine Natur. Wo diese Idee der Selbstbestimmung aus Gebilden der Natur herausstrahlt, sprechen wir von Schönheit. Das schöne Ding folgt seiner Natur, stellt die Eigenart seines Wesens voll heraus und be- wahrt sie, ist das, was es ist, so ganz durch sich selbst, daß wir eine Analogie wahrnchmen mit der Freiheit vernünftig handelnder, sich nach eignem Gesetz bestimmender Wesen. Dieser Satz gilt zunächst nur von Dingen der Natur. Aber auch ein Gegenstand der Kunst ist schön, wenn seine Vollkommenheit als Natur erscheint. Das Vollkommene besteht in der Ubereinstimmung des Mannigfaltigen zu Einem. Wird es mit Freiheit dargestellt, so gewinnt es den Charakter des Schönen; es wird aber mit Freiheit dargestellt, wenn die Natur des Dinges mit dem Werke der Technik zusammenstimmend erscheint, d. h. wenn es aussieht, als wenn diese aus dem Ding selbst freiwillig hervorgeflossen wäre. Unbedingtes Erfordernis ist Freiheit in der Erscheinung.
Aus dem allen ergibt sich, daß das Reich des Geschmacks,— so nennt Schiller an der betreffenden Stelle die Welt der Xsthetik,— ein Reich der Freiheit ist;— die schöne Sinnenwelt das glücklichste Symbol, wie die moralische sein soll, und jedes schöne Natur- wesen außer mir ein glücklicher Bürge, der mir zuruft:„Sei frei, wie ich.“*¹*) In poetischer Form drückt das Schillers Gedicht,„Das Höchste“ so aus:
Suchst du das Höchste, das Größte?
Die Pflanze kann es dich lehren.
Was sie willenlos ist, sei du es wollend! Das ist's.
Mit obigen Gedanken übereinstimmend heißt es in dem Briefe an Körner vom 18. Febr.: Eine moralische Handlung ist erst dann eine schöne, wenn sie aussieht wie eine sich von selbst ergebende Wirkung der Natur.— Aus diesem Grunde ist das Maximum der Charaktervoll- kommenheit eines Menschen moralische Schönheit, denn sie tritt nur alsdann ein, wenn ihm die Pflicht zur Natur geworden ist.
Die ganze Eigenart Schillers liegt nun in der Überzeugung, daß nur die ästhetische Kultur, so wie er sie verstehe, imstande sei, der sittlichen Versnnkenheit seiner Zeit Abhülfe zu verschaffen. Davon handeln seine Briefe über ästhetische Erziehung an den Herzog Friedrich Christian von Augustenburg. Der Gang der französischen Revolution im Anfange des Jahres 1793 hatte der Welt die Augen darüber aufgetan, welch tiefe Verderbnis im Hinter-
*) Brief an Körner vom 23. Februar 1793.(Jonas 644, S. 284 f.)


