Würde, über die ästhetische Erziehung des Menschen, über das Erhabene und Pathetische, naive und sentimentalische Dichtung bezeugen das. Auf dem Gebiete der Ethik kommt folgender Gesichtspunkt besonders in Betracht. Kant hatte die Idee der Pflicht, so sagt Schiller, mit einer Härte vorgetragen, die alle Grazien davon zurückschreckte;*) dazu konnte ihn aber nur die tief gesunkene Moral seiner Zeit bestimmt haben, der im 18. Jahrhundert zur Herrschaft gelangte praktische Materialismus.„Er ward infolgedessen der Drako seiner Zeit, weil sie ihm eines Solon noch nicht wert und empfänglich schien.“
Nun aber gibt es doch edlere Naturen, in denen die sinnliche Seite ihres Wesens nicht in so gespanntem Verhältnis zur sittlichen steht, wie Kant voraussętzt;„ja es kann sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grade versichern, daß eine volle UÜbereinstimmung zwischen beiden erfolgt, welche das Siegel der vollendeten Menschheit und dasjenige ist, was man unter einer schönen Seele versteht. Da herrscht nicht nur kein Widerspruch mehr gegen das Sittliche, sondern Liebe zu dem erkannten Guten und Begeisterung dafür. Anmut ist der Ausdruck ihrer Erscheinung; man wird sie mehr bei dem weiblichen Geschlecht finden.“ Daher die Macht des Weibes, wie sie die Verse schildern:
Mächtig seid ihr,— ihr seid's durch der Gegenwart ruhigen Zauber; Was die Stille nicht wirkt, wirket die Rauschende nie.
Kraft erwart' ich vom Mann, des Gesetzes Würde behaupt' er,
Aber durch Anmut allein herrschet und herrsche das Weib.
Manche zwar haben geherrscht durch des Geistes Macht und der Taten, Aber dann haben sie dich, höchste der Kronen, entbehrt.
Wahre Königin ist nur des Weibes weibliche Schönheit:
Wo sie sich zeige, sie herrscht, herrschet bloß, weil sie sich zeigt.
Erläuternd den Begriff der schönen Seele heißt es auf zwei Votivtafeln:
Adel ist auch in der sittlichen Welt. Gemeine Naturen Zahlen mit dem, was sie tun, edle mit dem, was sie sind.
Oder: Hast du etwas, so teile mir's mit, und ich zahle, was recht ist, Bist du etwas, o dann tauschen die Seelen wir aus.
Indem Schiller so der Freudigkeit als der Quelle des sittlichen Handelns ihr Recht wiedereroberte, hat er der urchristlichen Anschauung wiedergegeben, was ihr zukam. In der Tat ist er damit aber dem ethischen Prinzip Kants nicht untreu geworden, wie man ihn viel- fach beschuldigt hat; wenigstens hat er selbst das Bewußtsein nicht gehabt. Schreibt er doch dem Herzog von Augustenburg am 3. Dezember 1793:„Ich bekenne gleich vorläufig in Bezug auf die Frage vom Verhältnis der Tugend zum Geschmack, daß ich im Hauptpunkte der Sittenlehre vollkommen kantisch denke. Ich glaube nämlich und bin überzeugt, daß nur diejenigen unsrer Handlungen sittlich heißen, zu denen uns bloß die Achtung für das Gesetæ der Vernunft und nicht andere Antriebe bestimmten, wie verfeinert diese auch seien und welch imposante Namen sie auch führen. Ich nehme mit den rigidesten Moralisten an, daß die Tugend schlechterdings auf sich selbst ruhen müsse und auf keinen von ihr verschiedenen Zweck zu beziehen sei. Gut ist(nach den Kantischen Grundsätzen, die ich in diesem Stücke
*) Uber Anmut und Würde S. 92.(Kürschner-Boxberger 129, 1.)


