10 Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt! Brüder— überm Sternenzelt Muß ein lieber Vater wohnen.
Was Schiller in die freudigste Stimmung versetzte, war das Glück seines Wohltäters. Körner feierte um diese Zeit Hochzeit mit Minna Stock, die dem kleinen Kreise der Verehrer Schillers angehörte, die den Dichter durch ihre Teilnahme an seinem Lose beglückt und zu sich eingeladen hatten. Dem wohlsituierten Manne war es endlich möglich geworden, seine weder mit äußerem Besitz noch mit vornehmer Herkunft ausgestattete Braut heimzuführen, und der befreundete Dichter singt nun ein Jubellied auf die Freude, wie dieser Tochter Elysiums kein zweites gesungen. Man muß den Schlußchor der neunten Symphonie Beethovens hören, um die Zauberkraft solcher Töne recht zu würdigen. Wenn da geschrieben steht:
Freude heißt die starke Feder In der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder In der großen Weltenuhr.— Festen Mut in schweren Leiden, Hilfe, wo die Unschuld weint, Ewigkeit geschwor'nen Eiden, Wahrheit gegen Freund und Feind, Männerstolz vor Königsthronen, Brüder, gält es Gut und Blut, Dem Verdienste seine Krone, Untergang der Lügenbrut!
Wie anders lautet das Bekenntnis im Vergleich zu dem in der Freigeisterei der Leidenschaften, wie lenkt es vielmehr den Blick vorwärts dem schon aufgehenden Lichte des Don Karlos zu!
Freudigkeit ist die Mutter aller Tugenden, sagt Bruder Martin in Goethes Götz; neue Schaffensfreudigkeit fördert nun auch bei unserem Dichter Großes zu Tage.
Der Don Karlos gewinnt endlich nach fünfjährigem Brüten darüber Gestalt. Aus einer geplanten Familientragödie des spanischen Hofes ist freilich im Laufe der Jahre ein Heldengedicht geworden, in welchem aufopfernder Liebe im Kampfe für Denk- und Glaubens- freiheit eines geknechteten Volkes zum ersten Male in gehobener rhythmischer Sprache ein Denkmal gesetzt worden ist, wie die deutsche Zunge bis dahin noch keines zustande gebracht hatte. Es erinnert an Lessings Nathan, wie Fiesko und Kabale und Liebe an Emilia Galotti. Welch eine Reihe mächtiger Gestalten, dieser Posa und Don Karlos und auf der andern Seite König Philipp und Herzog Alba! Dann aber auch welch eine herrliche Gestalt diese Königin Elisabeth! Fast die schönste unter den Frauengestalten der Muse Schillers.
In diese zweite Periode, die Zeit der Lehrjahre, fallen geschichtliche, ästhetische und philosophische Studien. Die beiden Werke Abfall der Niederlande und dreißigjähriger Krieg haben durch die schöne Darstellung ihre Anziehungskraft bis heute bewahrt, und wenn sie auch mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft nicht immer übereinstimmen, so haben sie doch dem Dichter selbst zur poetischen Behandlung reichen Stoff geliefert. Der Don


