Aufsatz 
Über Schillers Entwicklungsgang. Festschrift zur 100jährigen Gedächtnisfeier seines Todes
Entstehung
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ihren Ausdruck gefunden in den sogenannten philosophischen Briefen. Julius(nach Leis ewitz Julius von Tarent benannt) ist Schiller; Raphael(von dem alttestamentlichen Schutzengel im Buche Tobias) ist Körner. Julius weiht Raphael ein in seine neugewonnene Weltanschauung, damit dieser in seiner Bemühung ihn weiter zu leiten auf seiner Lebensbahn einen festen Ausgangspunkt habe. Der Kern dieser Mitteilungen ist die Theosophie des Julius. Mögen auch einige ihrer Grundgedanken der Stuttgarter Zeit und dem Jünglingsalter angchören, so läßt doch das Ganze der entwickelteren Form wegen kaum die Annahme einer andern Ent- stehungszeit zu als der Leipzig-Dresdener.*)

Diese Theosophie bezeichnet den höchsten Flug von Schillers Idealismus. Einige Proben daraus werden das lehren.Jetzt, so beginnt der Abschnitt mit der Uberschrift Liebe, jetzt, bester Raphael, laß mich herumschauen! Die Höhe ist erstiegen, der Nebel ist gefallen, wie in einer blühenden Landschaft stehe ich mitten im Unermeßlichen. Ein reineres Sonnenlicht hat alle meine Begriffe geläutert. Liebe also das schönste Phänomen in der bescelten Schöpfung, der allmächtige Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der An- dacht und der erhabensten Tugend, Liebe ist nur der Widerschein dieser einzigen Kraft (des Wohlwollens) eine Anziehung des Vortrefflichen, gegründet auf einen augenblicklichen Tausch der Persönlichkeit, eine Verwechslung der Wesen.

Wenn ich hasse, so nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Verzeihung ist das Wiederfinden eines veräußerten Eigentums Menschenhaß ein verlängerter Selbstmord; Egoismus die höchste Armut eines erschaffenen Wesens.

Ich bekenne es freimütig, ich glaube an die Wirklichkeit einer uneigennützigen Liebe. Ich bin verloren, wenn sie nicht ist, ich gebe die Gottheit auf, die Unsterblichkeit und die Tugend. Ich habe keinen Beweis für diese Hoffnungen mehr übrig, wenn ich aufhöre an die Liebe zu glauben. Ein Geist, der sich allein liebt, ist ein schwimmendes Atom im uner- meßlich leeren Raume.

Zwar ist es schon Veredlung einer menschlichen Seele, den gegenwärtigen Vorteil dem ewigen aufzuopfern es ist die edelste Stufe des Egoismus aber Egoismus und Liebe scheiden die Menschheit in zwei höchst unähnliche Geschlechter, deren Grenzen nie ineinander fließen. Egoismus errichtet seinen Mittelpunkt in sich selber; Liebe pflanzt ihn außerhalb ihrer in die Achse des ewigen Ganzen. Liebe zielt nach Einheit; Egoismus ist Einsamkeit. Liebe ist die mitherrschende Bürgerin eines blühenden Freistaats, Egoismus ein Despot in einer verwüsteten Schöpfung. Egoismus sät für die Dankbarkeit, Liebe für den Undank.

Liebe, so steht in dem Abschnitt überGott, Liebe ist die Leiter, worauf wir empor- klimmen zur Gottähnlichkeit. Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist, sagt der Stifter unseres Glaubens. Die schwache Menschheit erblaßte bei diesem Gebote, darum erklärte er sich deutlicher:Liebet euch unter einander! Der Brief schließt dann mit der Aufforderung:Nähert euch dem Gott, den ihr meinet! Fast glaubt man bei diesem letzten Worte Lessings Nathan zu hören und seinen Kernspruch: So cifre jeder seiner unbe- stochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach usw.(III, 1.)

Dieselben Töne schlägt auch das derselben Zeit angehörende berühmte LiedAn die Freude an, wenn es da heißt:

*) S0 auch Harnack 1. Aufl. S. 134. Anders Wychgram, Berger und Bellermann.

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