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Solchem prometheischen Trotz entspricht in dem andern Gedicht, Resignation, die Bloß- stellung religiöser Lohndienerei. Wer bloß deshalb ein enthaltsames und sittsames Leben zu führen sich befleißigt, weil er hofft, dafür einmal im Jenseit Genusses die Fülle als Lohn zu erhalten, der befindet sich auf einem Irrwege. So lautet vielmehr die krasse Alternative:
Genieße, wer nicht glauben kann!
Die Lehre ist ewig, wie die Welt.
Wer glauben kann, entbehre!
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen, Dein Glaube war dein zugewog'nes Glück. Du konntest deine Weisen fragen;
Was man von der Minute ausgeschlagen, Gibt keine Ewigkeit zurück.*)
Diese Dichtungen enthalten zweifellos ein freigeistisches und pessimistisches Glaubens- bekenntnis. Sie zeigen, was für Gespenster sich dem heranreifenden Dichter auf der Bahn des Lebens in den Weg stellten.
Zum Glück sollte bald ein hell ihm aufgehender Stern diese dunkeln Schatten ver- scheuchen. Der Boden war ihm in Mannheim unter den Füßen zerbrochen. Als er so nicht mehr wußte, wo aus und ein, rief ihn der bekannte Leipziger Verehrerkreis zu sich. Treue Freundschaft hatten schon früher ein Streicher, eine Frau von Wolzogen ihm bewiesen; die Krone aber setzte diesen Bestrebungen Gottfried Christian Körner auf, der Vater des„Sängers und Helden zugleich,“ indem er ihn aus seinen derangierten Verhältnissen herausriß und ihm eine neue Laufbahn eröffnete. Bei Ihnen, hatte er auf das Einladungsschreiben geantwortet, bei Ihnen will ich, werd' ich alles doppelt, dreifach wieder sein, was ich ehemals gewesen bin, und mehr als alles das, o meine Besten, ich werde glücklich sein. Ich war's noch nie. Weinen Sie um mich, daß ich ein solches Geständnis tun muß. Ich war noch nicht glücklich, denn Ruhm und Bewunderung und die ganze übrige Begleitung der Schriftstellerei wägen auch nicht einen Moment auf, den Freundschaft und Liebe bereiten— das Her⸗ darbt dabei.“
Schillers Hoffnung ging mit seiner Ubersiedelung nach Leipzig in Erfüllung. Ein so gewaltiger Umschwung seines ganzen Seins war die Folge des neuen Erlebnisses, daß man von ihm ab eine neue Periode seines innern Entwicklungsganges datieren muß. Die Bezeich- nung dieses Lebensabschnittes bis zur Anknüpfung des Freundschaftsbundes mit Goethe als die Zeit der„Lehrjahre“ scheint passend.**) Die gänzlich veränderte Stimmung hat zunächst
*) Der Ausdruck„Lohn“ hat in der Ethik für viele einen bedenklichen Beigeschmack. Und doch kommt es für die Würdigung dieses Begriffs auf folgenden Gesichtspunkt allein an: Wer gut zu handeln sich pefleißigt, bloß um des Lohnes, um des äußzeren Erfolges willen, ohne für das Gute selbst innerlich erwärmt zu sein oder begeistert,— wer gar seinem ganzen geistigen Standpunkt nach mit dem Sittlich- Guten auf gespanntem Fuße steht, aber es doch zu üben sucht um irgend welchen Lohnes willen, der ist noch kein sittlich freier Mann, sondern ist noch Knecht. Auf Lohn aber hoffen in dem Sinne, daß die ehr- liche UÜbung des Guten auch gute Früchte zeitigen werde, d. h. bei Gott ihren Lohn finden werde, ist ein wesentlicher Grundgedanke optimistischer Ethik; da hat das Wort seine gute Bedeutung: die Weltgeschichte ist das Weltgericht.
**.) Bellermann gebraucht diesen Ausdruck; nur hätte er die vorangehende Periode, von ihm als Wanderjahre bezeichnet, mit Mannheim abschließen sollen. In Leipzig-Dresden wird ein Neues gepflügt.


