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Shakespeares Gespenst im Hamlet kommt wirklich aus der jenseitigen Welt, Voltaires (in der Semiramis) ist auch nicht einmal zum Popanz gut, Kinder damit zu schrecken.*)
Durch solche Fingerzeige Lessings hatte schon Goethe den Weg sich weisen lassen und war dann von Herder weiter geführt worden zum Verständnis der Alten, insbesondere Homers und Pindars und zur rechten Würdigung der Volkspoesie. Der Ruf des Franzosen Rousseau: Rückkehr zur Natur, war so auch in deutschen Landen zur Losung geworden, und der junge Schiller hatte, als er ihn vernahm, nichts Eiligeres zu tun als darin einzustimmen.**) Aber er wagte noch den weiteren kühnen Schritt, vom Zorne getrieben über selbsterlebtes Unrecht und über Vergewaltigung, wie es ihm wenigstens vorkam, im Sinne der Schauspieler in Shakespeares Hamlet seiner Zeit und speziell seiner Umgebung einen Spiegel vorzuhalten ihres innerlich unwahren Wesens: Er dichtete sein Trauerspiel, die Räuber, und betrat damit seine Dichter-Laufbahn. Ganz aus seiner Phantasie heraus, wenngleich angeregt durch einen verwandten Fall aus dem Leben, führt er in diesem Werke seiner Mitwelt einen edel und großartig angelegten Helden vor, der, als alle andern Mittel nichts mehr fruchten wollten, nicht davor zurückschreckt, mit Hülfe einer Räuberbande die dringend notwendig gewordene Umgestaltung des sozialen Lebens herbeizuführen. Indem er diese epochemachende Tragödie 1781 herausgab und im folgenden Jahre in Mannheim aufs Theater brachte, wurde er der Führer der zweiten Generation von Sturm und Drang und machte sich so ganz plötzlich einen unsterblichen Namen, wie vor 8 Jahren Goethe durch Götz von Berlichingen und Werthers Leiden getan hatte.
Schillers Held steht freilich an innerm Gehalt zurück hinter Goethes Götz; aber auch als Führer einer Räuberbande war er doch zu edel angelegt, als daß ihm nicht allmählich im Laufe der Erlebnisse ein Licht über das Verkehrte des von ihm eingeschlagenen Weges aufgegangen wäre. Darin liegt die tiefe und echte Tragik der Dichtung, daß er schließlich zu dem Geständnisse kommt:„O, über mich Narren, der ich wähnte, die Welt durch Greuel zu verschönern und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu erhalten! Ich nannte es Rache und Recht— ich maßte mir an, o Vorsicht, die Scharten deines Schwerts auszuwetzen und deine Parteilichkeiten gut zu machen, aber— o eitle Kindereien— da steh' ich am Rande eines entsetzlichen Lebens und erfahre nun mit Zähneklappern und Heulen, daß zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grunde richten würden.
Auf die Räuber folgte die Verschwörung des Fiesco zu Genua, als republikanisches Trauerspiel bezeichnet(1784). Es wird wohl das erste deutsche historische Drama grossen Stils genannt. Auf den historischen Stoff war Schiller aufmerksam geworden durch die Denkwürdigkeiten Rousseaus in den Schriften des H. P. Sturz. Das Streben nach bürgerlicher Freiheit, die eine republikanische Verfassung eher in Aussicht stellte als absolutistische, stand mit auf der Wunschkarte der Stürmer und Dränger. Im ersten Entwurf endigt das Drama damit, daß der Republikaner Verrina den Grafen Fiesco, der an der Spitze der Verschwörung gegen das Haus Doria steht, von einem Brette ins Meer stößt, sodaß er ertrinkt. Fiesco hatte nämlich durch aufgeregten Ehrgeiz sich verleiten lassen, zwar die Maske des Republi-
*) Hamburgische Dramaturgie Stück 11.
**) Noch in der Banerbacher Zeit stehen unter seinen Requisiten aus der Meininger Bibliothek an erster Stelle: Lessings kritische Schriften also ungeführ: Dramaturgie, Theaterbibliothek, Beiträge zur Literatur, Laokoon von Lessing. Siehe Schillers Briefe von Jonas Nr. 45.


