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In der schwäbischen Heimat ist dem Knaben schon eine Bildung zu teil geworden, wie sie eine religiös gestimmte evangelische Familie des mittleren Bürgerstandes, deren Häupter biedere und wohldenkende, geistig nicht unbegabte Menschen waren, vermitteln konnte. Vater und Mutter werden beide als tüchtige Menschen gerühmt.„Ich habe das Glück vor vielen Tausenden, den besten Vater zu haben“ schreibt Schiller an seine Schwester Christophine.„Nie habe ich ein besseres Mutterherz, ein trefflicheres, häuslicheres, weib- licheres Weib gekannt“ urteilt einer von Schillers Jugendfreunden über dessen Mutter, und dem stimmen viele zu, die sie kannten. Da der Sohn das Glück hatte, in die Bahn des Gelehrten gerufen zu werden, ist es ihm gelungen, bis zum Range eines Militärarates sich durchzuringen. Auf dem Wege zu diesem Ziele konnte es aber nicht ausbleiben, daß der junge Mann von der aufblühenden Literatur seiner Zeit berührt wurde. Da er nun hierfür einen besonders empfänglichen Sinn hatte, ist er in das Fahrwasser der sogenannten Stürmer und Dränger der siebziger Jahre hineingeraten, und, da er zum Dichten wohl beanlagt war, sogar zum Führer jener Dichterschar geworden, die in den achtziger Jahren das von Goethe 10 Jahre früher aufgeworfene Panier weiter führte. Es war das die Richtung, welche ins- besondere auf dem Felde der tragischen Dichtung das Joch des französischen Klassizismus abzuschütteln suchte. Lessing hatte für sie in den Literaturbriefen und in der hamburgischen Dramaturgie schon eine Lanze eingelegt im Kampfe der Geister. Der Deutsche hätte, so heißt es da, ungefähr an unsern alten dramatischen Stücken hinlänglich merken können, daß wir mehr in den Geschmack der Alten und der Engländer als der Franzosen einschlagen; daß wir in unsern Trauerspielen mehr sehen und denken wollen, als uns das furchtsame französische Trauerspiel zu sehen und zu denken gibt; daß das Große, das Schreckliche, das Melancholische besser auf uns wirkt als das Artige, das Zärtliche, das Verliebte; daß uns die große Einfalt mehr ermüdet als die große Verwickelung.
Er hätte also auf dieser Spur bleiben sollen, und sie würde ihn geraden Weges auf das englische Theater geführt haben. An einem Shakespeare würde das Volk viel mehr Geschmack gefunden haben als an den französischen Tragikern, für die Professor Gottsched eintrat; derselbe würde ganz andere Köpfe unter uns erweckt haben, als man von diesem zu rühmen wisse, denn ein Genie könne nur von einem Genie entzündet werden und am leichtesten von so einem, das alles bloß der Natur zu danken zu haben scheine und durch die mühsamen Vollkommenheiten der Kunst nicht abschrecke. Shakespeare heißt es da weiter, kommt den Mustern der Alten, die er fast gar nicht kennt, im Wesentlichen näher; denn nach dem Odipus des Sophokles müsse kein Stück in der Welt mehr Gewalt über unsre Leidenschaften haben als Othello, König Lear, Hamlet etc.*)
Dort konventionelle Kunst, gemachtes Wesen, hier wahre Natur. Nicht die Liebe hat Voltaire die Zaire diktiert, sondern die Galanterie; ich kenne nur eine Tragödie, an der die Liebe selbst hat arbeiten helfen— und das ist Shakespeares Romeo und Julie. Der eifersüchtige Orosman lehrt uns nicht viel, Othello ist das vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserei.**)
*) Lessing, 17. Literaturbrief. **) Hamburgische Dramaturgie Stück 15.


