Ein Jahrhundert ist nunmehr dahingegangen, seit Friedrich Schillers Gebeine im Grabe ruhen. Ein kleiner Kreis von Verehrern war es, der am 12. Tage des Maimonats 1805 um Mitternacht nach Landesbrauch den Sarg durch die stillen Straßen Weimars nach dem alten Friedhof bei der Jakobskirche hinaustrug; von hier ist der Leichnam 1827 in die Fürsten- gruft übergeführt worden, wo nun Schillers Gebeine noch heute neben denen Goethes ihre Ruhestätte haben.
Gefallen war einer der gewaltigsten Bäume, dessen Wurzeln in die tiefsten Tiefen deutschen Geisteslebens hinabreichten. Unter der Fülle der üppigen Gebilde, die ein Geistes- Frühling sondergleichen über den deutschen Boden ausgebreitet, eins der schönsten und mit Früchten gesegnet, wie kaum ein zweites. Was dem innern Leben und damit dem Höchsten was es auf dieser Erde gibt, insbesondere in deutschen Landen abgehen würde, wenn man einmal versuchen wollte, Schiller daraus zu streichen, ist gar nicht zu sagen. Was macht denn dem Menschen sein Vaterland vor allem lieb und wert? Ist's nicht im letzten Grunde die Welt der Gedanken, an denen er, so, wie sie in seiner Muttersprache Form gewonnen, selber cigentlich erst zum Menschen geworden ist? Welche geistige Macht hätte aber, abgesehen etwa von der deutschen Bibelübersetzung Luthers, einen so breiten Raum des deutschen Herzens in Beschlag genommen, wie der Ideenkreis von Schillers Dichtungen? Die Töne, die sie anschlagen, die Lieder die sie singen von Lenz und Liebe, von sel'ger goldner Zeit, von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit; was sie sagen von allem Süßen, das Menschenbrust durchbebt, sagen von allem hohen, das Menschenherz erhebt, das ist, in immer weiteren Kreisen das ganze Volk ergreifend, zu einer solchen geistigen Großmacht geworden, gegen die schlechterdings keine andere ankommen kann. Schier könnte es einem unglaub- lich vorkommen, daß ein einiges Deutschland zustande gekommen wäre, wenn nicht einmal ein Schiller gewesen wäre, der dem deutschen Manne und der deutschen Frau spielend ein Verständnis davon beigebracht hätte, was das große Wort der Freiheit und des Vaterlandes zu bedeuten hat.
Dieser selbe Schiller hat nun im Jahre 1791 in einem Aufsatz über Bürgers Gedichte das große Wort gesprochen:„Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individua- lität. Die muß es also wert sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Darum verlangt man von ihm mit Recht, daß er, da er ein treuer Begleiter durchs Leben sein soll, im Intellektuellen und Sittlichen auf einer Stufe mit ihm stehe. Es ist also nicht genug, Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern; man muß auch erhöht empfinden. Begeistern allein ist nicht genug; man fordert die Begeisterung eines gebildeten Geistes.“
Darf nun, so fragen wir, Schiller diesen Anspruch machen? Hat er seine Individualitaät so weit erhöht und veredelt, sie zur reinsten und herrlichsten Menschheit hinaufgeläutert? Der nun folgende Uberblick über die Knotenpunkte in Schillers Entwicklungsgang ist ein Versuch, auf obige Frage eine begründete Antwort zu geben.


