Aufsatz 
Friedrich Wilhelm Weber's "Dreizehnlinden" : eine literarische Studie / von Johannes Bernhard Feitel
Entstehung
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Winters muss sie mit den andern Wie die ungetauft gestorb'nen In des Heers verworrnem Schalle Bleichen Kinder.Tausend Jahre? Trostlos durch die Wolken schweifen, Wimmert eins; undlänger, länger! Wie die Nichterlösten alle; Ruft's zurück, undfahre, fahre!

Die kleine, arme Doda, eine Südlandsblume von den Ufern der Garonne, hört mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Die Märchen und Sagen, welche erzählt werden, hält sie für lautere Wahr- heit. Jetzt blickt sie voll Angst nach dem Fensterladen; denn sie glaubt die ungetauft gestor- benen Kinder jammern zu hören. Die Herrin des Hauses, welche es bemerkt, sucht sie zu be- ruhigen: sie brauche nicht ängstlich zu sein, denn was sie höre, sei das Tosen des Windes und das dumpfe Stöhnen der Eichen. Hiernach fordert sie das Gesinde auf, die Märchen zu lassen. Aiga aber vergisst dieses Gebot sehr bald. Beim Anblick der Leinwandberge, die noch zu Klei- dungsstücken zu verarbeiten sind, gedenkt sie des kleinen Volks, das einst den Mägden gerne diente und während der Nacht die Arbeit fertig machte, die am Abend liegen geblieben war. Sie bedauert es, dass sie ausgewandert sind, und meint, das Glockenläuten, Menschenfalschheit. und all das Rüsten und Reuten im Walde habe die guten Dinger vertrieben.

Die Mönche des Konvents zu Dreizehnlinden stehen dem Götterglauben ganz anders gegenüber. Ihnen ist er der Feind, welcher dem Christentum die Einkehr in die Herzen der Sachsen verwehrt und den sie durch Beruf und Pflicht zu bekämpfen verbunden sind. Biso denkt, nicht gerne daran, dass sein heidnischer Vater bei Donar's Hammer zu fluchen pflegte. Beda meint, Runen lesen, Zauber kochen, Sprüche lispeln sei ein heidnisch unhold Wesen. Bruder Ailrat kann es noch immer nicht vergessen, dass er in seiner Jugend die Gewohnheit hatte, bei Thor und Odin zu schwören. Der Prior erinnert Elmar an die entweihten Opfersteine, auf denen einst Menschenleiber zuckten, um ihm Abscheu vor dem Heidenglauben einzuflössen und für Christum zu gewinnen..

Einen ganz eigenen Reiz hat es für uns und bringt eine ausserordentlich poetische Wirkung hervor, wenn der Dichter selbst sich im heidnischen Sinne ausdrückt und die Natur nach den Vorstellungen unserer germanischen Vorfahren belebt. So hat er den Gesprächen der Zwerge gelauscht, die in fernen Wäldern in Spalten und in Klüften ihren kleinen, stillen Haus- halt führen, hat gehört, was die Elben auf mondbeglänztem Anger lispeln. Die Brünnlein und Bäche, welche sich im Winter vor der grimmen Kälte in die Tiefen der Waldreviere und Berge zurückgezogen hatten, hüpfen bei der Ankunft des Frühlings wieder munter ins Thal hinab und unterhalten sich dort über das frostige Schaudern der zarten Elben, das kluge Plaudern der Zwerge und das laute Schnarchen der Riesen. Der Anblick des mit Schnee bedeckten Winter- waldes im Sonnenglanze, der so reich ist an Silber und Demanten, der so herrlich glimmert und glüht, erinnert den Dichter abermals an die Zwerge. Es will ihn dünken, als ob diese eitlen Wesen all den Reichtum ihrer Berge, alle ihre Schätze, die sie rastlos zusammen gescharrt haben, einmal zum Verwundern zeigen wollen. Im Herbst eilen Holla's graue Wolkenkühe über die kahlen Wipfel des Waldes hinweg. Ein dünnes, blaues Wölkchen, welches am kalten Morgen aus der frisch gegrabenen Erde emporsteigt, gleicht dem Rauch vom Opferherde.

InDreizehnlinden tritt uns sonach der germanische Götterglaube von verschiedenen Seiten vor die Augen. Das schöne Epos erinnert in seinem ganzen Verlaufe wieder und wieder an das alte Germanien und den Kulturzustand seiner Bewohner; namentlich sind es die heidnischen Sachsen, welche uns in jene längst verschollene Zeit zurückführen. Da diese von ihren Göttern nicht anders reden, als von allbekannten Wesen, so können nur diejenigen ihre Worte voll und ganz würdigen, welche mit der deutschen Mythologie hinlänglich bekannt sind. Leider ist die Zahl derer, welche dieses schätzbare Wissen besitzen, nicht sehr gross. Der Dichter selbst hat es erfahren. Man werfe nur, um sich davon zu überzeugen, einen Blick auf die Erläuterungen, welche dem Epos beigefügt sind. Sie beginnen mit den Worten:

Dem vielseitig geäusserten Wunsche, dass in einer neuen Auflage dieses Buches die sachlichen Anmerkungen vermehrt und einige ungewöhnliche Wörter ausgedeutet werden möchten, habe ich nachkommen zu müssen geglaubt und meine genug, wenn nicht zu viel gethan