Aufsatz 
Friedrich Wilhelm Weber's "Dreizehnlinden" : eine literarische Studie / von Johannes Bernhard Feitel
Entstehung
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All mein armes Glück, des Herzens Wünsche, die mich von Dir schieden, Dürft' ich auch Erfüllung hoffen, Geb' ich hin, gieb Du mir Frieden!

Gott, mein Gott, ich will entsagen!

Er ist also bereit, um des Glaubens willen seiner Liebe zu entsagen; und doch ist ihm auf Erden nichts so teuer als der Gegenstand dieser seiner Liebe. Hat er doch sein Leben gewagt, um die Geliebteaus des Weihers feuchtem Grabe und aus der Glut der Flammen zu retten! Was anders als die Liebe zu Hildegunde kann ihn bewogen haben, sich trotz seines Hasses gegen das Christentum, der seinem Herzen von Eltern und Erziehern eingepflanzt worden, mit den christlichen Heilswahrheiten näher bekannt zu machen? Dass er dieses aber gethan, zeigt sich auf der Dingstätte. Dort giebt er auf die Anklage, dass er ein Götzendiener sei, die Ant- wort:

Irr' ich? Einer ist der Hohe, ¹) Heisst das Götzendienst, ihr Männer? Einer ist der Ebenhohe, Klingt euch das wie fremde Mare? Und der Dritte! Drei sind Einer, Und doch ist es Quell und Ursprung Flammen drei in einer Lohe. Unsres Wahns und eurer Lehre.

Eine andere Antwort beweist dieses noch deutlicher. Als ihm nämlich nach seiner Verurteilung gesagt wird, dass er sich behufs Berufung an den Königsstuhl in Aachen wenden und die Hoff- nung nicht aufgeben möge, entgegnet er:

Heischt' ich Recht, man hielte lachend²) Eu'r Gesetzbuch mir entgegen.

Nur Gesetz? Ihr Christenmänner, Nur Gesetz? Die Arggesinnten Ich auch lauschte euren Sagen! Hatten recht, ihn zu verderben: Nur Gesetz? So war es Rechtens Ein Gesetz bestand im Lande, Euren Gott ans Kreuz zu schlagen. Und nach diesem musst' er sterben.

Wenn er also den Wünschen seines Herzens entsagt, so opfert er den Göttern weit mehr als sein Leben. Mit den Worten: Meines Schicksals dunkle Lose ³) Leg' ich in der Götter Hände,

welche sein volles Vertrauen auf die Götter und seine rückhaltlose Hingebung an dieselben so einfach und schön ausdrücken, schliesst er seine Verteidigung. Nicht lange nachher erblicken, wir ihn samt dem treuen Rösslein, das er dazu bestimmt hat, ihn in die Verbannung zu tragen, in der Schmiede Fulko's. Hier bittet er den Meister nicht allein, seinem guten Tiere ganz neue Eisen unter zu legen, sondern auch beim Beschlagen desselben nicht zu vergessen, Segensworte zu sprechen. Die Vorsehung gestattet nicht, dass er sein Vaterland verlässt, sondern übergiebt ihn der Liebe und Sorge der Väter des Konvents zu Dreizehnlinden. Während er hier in Fieber- träumen liegt, tritt es besonders deutlich an den Tag, dass sein ganzes Leben und Denken von seiner religiösen UÜberzeugung beherrscht wird. Aus dem Munde des Kranken vernehmen vir die schönen Worte:

All die ew'gen Götter winken) Wodan zeigt nach Walhalls Bänken, Freundlich mir vom hohen Saale: Wo der Rast die Helden pflegen; Bragi schlägt der Harfe Saiten, Donar mit dem Feuerbarte Idun hebt die goldne Schale; Reicht das Methorn mir entgegen.

Auch gedenkt er des Rockens der Freia, der Hel, der Götterdämmerung. Während er seiner Genesung entgegengeht, belehrt ihn der Pater Prior, sein Landsmann, so gut über das Christen- tum, dass er zwischen Gott und Göttern, Christenglauben und Heidenglauben schwankt; aber er fährt so lange fort, als ein echter Heide von gerechten Göttern, von ihrem Neide, von den Loseschüttlern, ihren dunklen Wolkensitzen, ihren grauen Wolkenstühlen, ihres Zornes Blitzen

¹) S. 127; Str. 3 u. 4. ²) S. 138; Str. 3, 5 u. 6. ³) S. 140; Str. 2.) S. 189; Str. 4 u. 5.