Aufsatz 
Friedrich Wilhelm Weber's "Dreizehnlinden" : eine literarische Studie / von Johannes Bernhard Feitel
Entstehung
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Sterne steigen, Sterne sinken ¹) Hat der Kampf am Wigridfelde, Unsre sind im Niedergange. Den die Wala singt, begonnen? Brach der Wolf die Zauberkette, Stille Jungfraun, ihr nur wisst es, Stieg ans Land die Meeresschlange? Die ihr sitzt am Zeitenbronnen.

In den christlichen Mönchen erblickt sie die gefährlichsten Feinde der Götter; darum giebt sie dem Vater Beda, welcher sice in ihrer Höhle aufsucht, zwar einen Heiltrank für den kranken Elmar, aber seine Bitte, ihm auch von ihrem schätzbaren Wissen, von ihren Kenntnissen in der Heilkunde, mitzuteilen, erfüllt sie nicht, weil dieselben das Ansehen und den Einfluss der ver- hassten Mönche, dieserKräh'n im Nachtgefieder, wie sie sich ausdrückt, nur noch mehr er- höhen würden. Sie erklärt ihm vielmehr: Von den Göttern stammt mein Wissen ²) Und den Göttern geb' ich's wieder.

Unter den Sachsenkindern, bei denen das Ansehen der Priesterin immer mehr erlischt, hat sie keinen besseren und treueren Freund, als Elmar Falk. Dieser ist der frömmste und mächtigste Heide. Auf ihn setzt sie lange Zeit hindurch alle ihre Hoffnung. Sie denkt und wünscht, dass er einst sein unterdrücktes Volk zum Rachekampf aufrufen, sich an die Spitze desselben stellen und den christlichen Feind wieder aus dem Lande vertreiben werde. Aber ach, er verliebt sich in eine christliche Jungfrau; deshalb geht er für sie und die Götter verloren. Gross ist ihr Schmerz über dieses traurige Ereignis. Sie findet nur Trost in dem Gedanken:

Götterschicksal, Menschenschicksal ³) Ist auf ew'gen Rat gegründet: Einer bleibt und herrscht.

Als Elmar später wirklichden Kopf dem Christenwasser beugt, erreicht ihr Seelenschmerz eine solche Höhe, dass die ehrwürdige greise Frau eine Heimat, die ihr durch hundertjährigen Auf- enthalt lieb und wert geworden ist, verlässt. Sie wandert aus gegen Norden, begleitet von einem hünenhohen, einäugigen, felsenfarbigen Kämpen, der einen Hut mit breiter Krempe trägt und in einen blauen Mantel gehüllt ist. Dieser Begleiter ist der personifizierte Heidenglaube, ist Wodan selbst; denn mit der Priesterin verschwindet auch der letzte heidnische Einfluss aus den Gauen der Sachsen. Diethelm, Elmar's Hausverwalter, spricht dieses mit folgenden Worten aus:

Doch, seitdem die alte Drude) Von uns ging

Seit dem Tag von uns und andern) War es wie ein Bann gewichen, Und wir wurden Christenleute.

Nächst Swanahild erscheint Elmar Falk als der treueste Diener der Götter. Auch seine Vor- fahren waren tief religiös Seit drei auf einander folgenden Geschlechtern haben sie gute Freund- schaft mit der heidnischen Priesterin gepflegt. Von den bunten Giebeln des Habichtshofes, wo sie haushalten, nicken holzgeschnitzte Pferdeköpfe, um Wichte und Kobolde fern zu halten. Alfrik, Elmars Vater, stirbt früh. Nach seinem Tode sorgt die Mutter mit unermüdlichem Eifer dafür, dass der Sohn gut und gründlich im heidnischen Glauben erzogen wird. Sie begnügt sich nicht damit, i selbst die Götter fürchten und die Franken und das Christentum hassen zu lehren, sondern ersucht auch ihre ehrwürdige Freundin, die greise Priesterin Swanahild, sie bei der Erziehung ihres Kindes zu unterstützen Sobald der Sohn heranwächst, schickt sie ihn sogar in ein fremdes Land zum heid- nischen Priester Thiatgrim, damit dieser seine Erziehung in ibrem Sinne fortführe und vollende. Dieser Eifer der Mutter wird herrlich belohnt, denn Elmar erweist sich als einen lernbegierigen, guten Schüler. Staunend und aufmerksam lauscht er den Erzählungen Thiatgrim's, wenn dieser kluge Friese ihn die Runenrätsel lehrt, oder ihm Donar's Kämpfe mit den Thursen, Wala's düstre Prophezeiung, die Götterdämmrung, Weltvernichtung und Welterneuung erklärt.

*) S. 297; Str. 2 und 3. ²) S. 210; Str. 5. ³) 8. 110; Str. 3.) S. 340; Str. 2 u. 5. . 6 3*