Aufsatz 
Friedrich Wilhelm Weber's "Dreizehnlinden" : eine literarische Studie / von Johannes Bernhard Feitel
Entstehung
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Swanahild, die greise, Ehrfurcht einflössende Frau, die Priesterin der Götter, ist, obschon sie wegen ihres hohen Alters der sinkenden Abendsonne gleicht, dennoch der Mittelpunkt und die Hauptstütze des schwindenden Heidenglaubens. In ihrer Wohnung, einer schaurigen Höhle, welche tief in der Wildniss, fern von den Strassen und Steigen der Menschen liegt, hausten einst kluge Zwerge; doch das Läuten der Kirchenglocken und all dasRüsten und Reuten im Walde hat sie verscheucht. UÜber dem Eingang der Kluft hangen rauhe Felsenknorren. Epheuranken kriechen wie grüne Schlangen um das Gewölbe. Durch die Risse zwischen den Felsen lugen Wurzelknoten gleich schwarzen Schlangen. Im weiten Bauche der grossen Höhle glimmern Erze wie Sterne; zwi- schen den Pfeilern an den Wänden erblickt man hie und da ein Götzenbildnis. Diese schaurige, abgelegene, einsame Stätte bewohnt sie ganz allein mit ihrem treuen Hunde. In der Einsamkeit schöpft sie den Born des Wissens und schaut den Gang der Zeiten sie ritzt Runen und raunt Zaubersprüche, um Wunden zu heilen und Krankheit und Siechtum zu verscheuchen. Unauf- hörlich preist sie den Heldenruhm der heidnischen Ahnen und mahnt ihre Glaubensgenossen unablässig, die Götter zu fürchten und zu ehren, das Christentum aber und die Franken zu hassen. Auf dem stumpfen Kegel der alten Iburg versammelt sie die frommen Heiden aus allen Gauen zum Balderfest. Zwischen Eichen auf dem Rasen steht der grosse, graue Opferstein, daneben sie selbst, die riesengrosse Priesterin. Ein faltenreiches weisses Linnenkleid fliesst auf ihre Knöchel herab; ein eherner Gürtel hält es zusammen. In der Hand hat sie ein bluttriefendes Messer. Werinhard, der freie Bauer, und Fulko, der Schmied, sind ihr bei der heiligen Handlung behülflich; jener nimmt ihr das Eisen aus der Hand, dieser schürt in den Feuerbränden. In dem breiten Kupferkessel brodelt mit Lauch und Mistel das Opferfohlen, welches so eben ge- schlachtet worden. Das Tier ist bis zu dem Augenblick, wo es geopfert wurde, frei in den Wäldern umher gelaufen, hat niemals einen Reiter getragen und nicht Pflug noch Wagen gezogen. Ehrfurchtsvoll und stumm steht die Menge um den heiligen Opferkessel. Nachdem Godo, der Opferdiener, die Nachricht gebracht, dass auf allen Wegen Posten ausgestellt sind und kein Verrat noch Uberfall zu fürchten ist, schreitet die greise, ehrwürdige Priesterin dreimal mit nackten Füssen um den Opferkessel, indem sie Körner in die Lohe wirft und Segensworte lispelt. Dann nimmt sie einen Hammer, Donars Wahrzeichen, wendet sich gegen Norden und ladet die Reinen ein, näher zu treten; dieUngezwagten und Unholden aber fordert sie auf, sich zu ent- fernen: denn sie seien zusammengekommen, sagt sie, um den Sterbetag Balder's, des frömmsten der Götter, trauernd zu feiern. Seit Höder, sein blinder Bruder, ihn erschlagen, sei der Glanz des Tages verblichen und Götterfriede und Menschenfriede aus der Welt verschwunden; doch der grosse Vater aller habe dem Sterbenden versprochen, ihn wieder zum Leben zu erwecken, aber den Tag und die Stunde seiner Rückkehr aus dem Reiche der Toten wisse niemand, als der Allvater, der Niemalsausgesprochene allein. Christus, den die Christen das Friedenskind Gottes, den Eingeborenen des Allvaters nennen, könne Balder deshalb nicht sein, weil er Kampf und Krieg, Hass und Hader anstatt des Friedens gebracht habe; sogar Gebet und Opfer müssen sich vor ihm verbergen. Sodann fordert sie die Anwesenden auf, nach altem Väterbrauch mit ihr das Opfer zu vollbringen. Zunächst treten auf ihren Wink die Kinder in den Kreis, welche ge- kommen sind, um das Fest mitzufeiern. Sie tragen Kränze auf dem Kopfe und halten Binsen- körbe in der Hand. Indem sie ihr Lied singen, streuen sie dem weissen, guten Gotte Balder Blumen und Kräuter hin. Hierauf erhebt die Priesterin die Schale und fordert alle auf, Balder's Minne zu trinken. Die Becher werden erhoben, ein leises Raunen geht durch die Reihen, und sie trinken. Nachdem sie getrunken haben, geniessen sie auch vom Fleisch des Opferfüllens. Nach beendeten Mahle spricht Swanahild ein Dankgebet, und alle schleichen scheu und still wieder von dannen. Die greise Frau kehrt zu ihrer Höhle zurück, indem sie das traurige Be- wusstsein in sich trägt, dass zum nächsten Balderfeste bei weitem nicht alle wiederkommen werden. Die Götter, denen sie so treu und eifrig dient, werden in den Sachsengauen nicht hdge mehr herrschen, das sieht sie sicheren Blicks voraus; deshalb spricht sie betrübten

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