Falk, so er durch menschlich Fehlen Mit versah, was du gelitten. Zeih' ihn nicht! Der stumme Schläfer Lässt dich um Vergebung bitten.
Abt Warin, gern hätt' er selber Euch gedankt; ich soll euch danken Für die Bergung, für die Pflege Eines Flüchtlings, eines Kranken.
Euch für alles, guter Prior, Was ihr Holdes an ihm übtet; Und zumal, dass ihr ihn lebrtet, Und zumeist, dass ihr ihn liebtet.
Eins nur macht' ihm hart das Scheiden: Der Gedanke, schwer zu fassen, Dies sein Kind, sein teures Kleinod, In der Welt allein zu lassen.
Nicht allein! Sein teures Kleinod, Bat er mich, mit seinem Segen, Elmar, so dein Herz ihm offen,
An dein treues Herz zu legen.“
Und der Falk, die Arme breitend: „Du mein Bangen und Verlangen, Hilda, kommst du?“— Der Erlöste Hielt die Weinende umfangen.—
Sprach der Bischof:„Amen, Amen!“ Auf die Kniee sanken alle; Friedensgeister, Gottes Engel, Schwebten durch die stille Halle.“
Hiermit ist das Lied zu Ende. Der Dichter sang es nicht für alle, nicht für viele; nicht für diejenigen, welche lieber anderem Saitenspiele, anderer Lehre lauschen, denen Gold und Macht die höchsten Götter, Religion aber und religiöse Dinge gleichgültig sind: er sang es viel- mehr nur für diejenigen, welche Gott den Herrn fürchten und abseits der grossen Strasse den dornenvollen Pfad der Tugend wandern. Diesen wenigen ruft der fromme Dichter scheidend zu:
„Helf' uns Gott den Weg zur Heimat) Aus dem Erdenelend finden: Betet für den armen Schreiber, Schliesst den Sang von Dreizehnlinden.“
III. Germanischer Götterglaube in„Dreizehnlinden“.
Der geschichtliche Hintergrund des Epos versetzt uns in eine Zeit, wo das germanische Heidentum zwar dem Untergange nahe ist, aber den Kampf gegen das siegreich vordringende Christentum noch nicht ganz aufgegeben hat. Durch die heidnischen Personen, welche der Dichter in seinem Meisterwerke auftreten lässt, führt er uns in den Götterglauben unserer Vor- fahren ein. Diese wenigen Heiden sind die letzten und treuesten Diener Wodan's, hangen mit der äussersten Zähigkeit am Alten und kämpfen mit der grössten Hartnäckigkeit gegen das Neue. In tiefster Ehrfurcht wenden sie sich in ihrer Bedrängnis und Not zu ihren Göttern, beten zu ihnen und bringen ihnen Opfer dar, obgleich der Götzendienst aufs strengste verboten ist. Sie verehren dieselben in althergebrachter Weise, und diese Verehrung ist ihnen eine heilige Pflicht. Sie sprechen von denselben, wie von allbekannten Wesen, und was sie von ihnen erzählen, ist ihnen heilige Wahrheit. Ihr Leben und Leiden, ihr Wohl und Wehe dreht sich um ihre religiöse Ueberzeugung. Diese aufrichtige Religiösität veranlasst uns, an ihrem Geschicke den innigsten Anteil zu nehmen, und erregt in uns den Wunsch, tiefer und tiefer in ihr Glaubens- leben einzudringen.
¹) Schlussstrophe.


