Aufsatz 
Friedrich Wilhelm Weber's "Dreizehnlinden" : eine literarische Studie / von Johannes Bernhard Feitel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

in seinem Herzen tobte, auf einige Zeit zum Schweigen zu bringen. Aber sein alter und treuer Hausverwalter Diethelm trat hinzu und sprach vorwurfsvoll:

Weh und Waffen! ¹) Uns gehörst Du, Deinem Volke, Das, an Faust und Fuss gebunden, Elmar, ist das Heerbannstreue? ²) Rettung nicht, die Götter zürnen! Wird ein Falke zum Verräter? Heilung sucht für tiefe Wunden.

Sind wir Dein, so bist Du unser: Das ist Recht und Brauch der Väter!

Doch Du denkst nur an Dich selber, Vor Dir selber willst Du fliehen; Deine Qual, durch alle Meere Rastlos wird sie mit Dir ziehen.

Nicht Dein Herz nach seinem Wunsche, ³) Nach der Pflicht frag Dein Gewissen.

Dann bat der alte, treue Mann seinen jungen Herrn, seinem tiefen Schmerze den vorwurfsvollen Ton seiner Worte zu verzeihen, das Gesinde nicht zu verlassen, sondern bei ihnen auf dem Habichtshofe zu bleiben. Elmar erkannte seine Pflicht und blieb.

Das Christentum hatte sich im Sachsenlande immer weiter ausgebreitet und immer tiefere Wurzeln geschlagen. Die Insassen des Klosters zu Dreizehnlinden waren nicht mehr, wie früher, Männer aus fremden Reichen, sondern meistens Stammesgenossen Elmar's, Sachsenkinder: Abt Warin war der Sohn eines Sachsenherzogs;

In der Kämpfe dichte Knäuel) Sprang er kühn in zwanzig Schlachten; Ronceval im heissen Spanien Lehrt' ihn, Zeit und Welt verachten.

Marquard, der Pater Prior, war der Sohn eines sächsischen Freilings. Auch er hatte sich vordem durch kriegerischen Mut ausgezeichnet. Jetzt war er ruhigeren Geistes geworden; nur wenn einer unversehens des blutigen Tages bei Verden gedachte, des schwarzen Tages, an welchem Karl der Grosse 4500 Sachsen hatte enthaupten lassen, dann

Fuhr er auf; die Augen blitzten) Glüh vom Sachsentrotz, dem alten, Doch er konnte starken Willens Seinen Zorn im Zügel halten.

Der Pater Luthard stammte vom Habichtswalde; Pater Bernhard aus der Gegend,wo die Menschen Holzschuh tragen und vom schwarzen Brod sich nähren.

Während diese und die anderen Väter des Konvents den Sieg des Christenkreuzesjubelnd in die Berge sangen, mussten Elmar und alle, die noch Heiden waren, ihre Götter heimlich, in stiller dunkler Nacht verehren; denn der Götzendienst war streng verboten. Deshalb stellten sie auch mitten im Sommer in der Nacht vor der Sonnenwende, als sie nach alter Sitte einem ihrer Götter ein fehlerloses Füllen opfern wollten, ringsum auf allen Wegen und Zugüngen Wächter aus, um sich vor Verrat und Uberfall zu sichern; dann erst begannen sie ihr Opfer. Der Herr vom Habichtshofe war auch zugegen. Sobald aber das Morgenrot erglühte, schlichen sie alle eiligst wieder von dannen.

Wölfen gleich, die fern im Walde ³) Hastig einen Raub verzehren, Und in jedem Blätterrauschen Hund und Jäger kommen hören.

So treu Elmar dem Heidentume, in welchem er erzogen war, anhing, so treu liebte er

¹) S. 36; Str. 3. ²) S. 37; Str. 4 und 5. ³) S. 38; Str. 2.) S. 41; Str. 6. ³)§. 43; Str. 5.) 8. 71; Str. 6.