Aufsatz 
Friedrich Wilhelm Weber's "Dreizehnlinden" : eine literarische Studie / von Johannes Bernhard Feitel
Entstehung
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fast durchgängig auf einer geradezu klassischen Höhe. Höchst angenehm berühren uns neue, wohlgelungene Wortschöpfungen und der scheinbar unwillkürlich eingeflochtene Gebrauch der Alliteration.

Jeder, der ein wahrhaft poetisches Gemüt hat und echte Poesie von ihren Ausartungen zu unterscheiden versteht, wer ein Ohr hat für die Lieder des Waldes, für die tausend Stimmen der Natur, wer ein Herz hat für das Vaterland und die Eigenart der Heimat, der wird das Ge- dicht mehr als einmal und immer mit erneutem Interesse lesen. Alle diejenigen, welche an den Werken unserer gleichzeitigen Dichter schmerzlich den Adel wahrer Schönheit und den reinen Geist christlicher Poesie vermissen, begrüssen dieses Epos mit Freuden. Möge keiner sich den Hochgenuss entgehen lassen, dasselbe zu lesen.

In dem Dichter erkennt man den feinen, sinnigen Beobachter, der ein tiefes Verständ- nis hat für das Leben der Natur und ein sicherer Zeichner ist. Man bewundert sein gründliches Wissen, seinen klaren historischen Blick, seine tiefe Menschenkenntnis, seine lebhafte Empfin- dung und energische Gestaltungskraft. Er ist ein gewandter Erzähler und weiss auch weniger fromme Leser zu erbauen. Merklich ragt er über die grosse Menge der Dichter hinaus, er ist ein gottberufener Sänger, ein echter Dichter von Gottes Gnaden. Glücklich derjenige, welcher solche Gaben zu bieten hat, wie Friedr. Wilh. Weber.

So urteilt die Kritik über das EposDreizehnlinden und seinen Verfasser, den west- fälischen Sanitätsrat Dr. Fr. W. Weber. In unseren Tagen wird es aber bekanntlich immer schwieriger, in dem grossen Heere berufener und unberufener Sänger hie und da einen zu er- plicken, der über die Menge bedeutend hervorragt. Wenn unter solchen Verhältnissen eine Dich- tung, wie Weber'sDreizehnlinden, durch sich selbst und ohne alle Reklame einen allseitigen und ungeteilten Beifall in der Presse findet, wenn sie binnen vier Jahren vierzehn Auflagen er- lebt, wenn die Musik Vorwürfe für ihre Kompositionen ¹) daraus wählt, wenn der Maler dem Dichter dafür dankbar ist, dass er ihm so oft Gelegenheit bietet, sein Darstellungstalent ²) zu bekunden, wenn die erhabene Pflegestätte der Wissenschaften²) den vaterländischen Dichter aus- zeichnen und ehren zu müssen glaubt, dann kann es gewiss keinem Zweifel mehr unterliegen, dass sie es wert ist, immer mehr gelesen zu werden und immer weitere Verbreitung zu finden.

II. Uebersieht und Gang der Handlung.

Dreizehnlinden führt uns Bilder aus dunklen Tagen deutscher Vorzeit vor die Augen. Es zeigt uns Menschen, die vor einem Jahrtausend im Flussgebiete der Nethe und an der blauen Weser, also im heutigen Kreise Warburg in Westfalen, lebten und litten, Heidenleute und Christen- leute. Es schildert die schweren Kämpfe eines heidnischen Sachsenjünglings mit dem Landes- feind, dem Franken, und mit seinen eigenen Gedanken und Wünschen, das stille Weinen einer christlichen Jungfrau und das finstere Grollen einer greisen, heidnischen Priesterin; es läst uns Runensang und Racherufe hören, die aus Weibermund ertönen; es giebt uns ein Bild vom stillen

VAnd ¹) Maria v. ArndtsDreizehn Lieder aus Dreizehnlinden. Paderborn, Schöning'sche Buch- und Kunst- andlung.

²2) Fr. W. WebersDreizehnlinden. IIlustrierte Ausgabe mit 9 Lichtdrucken nach Zeichnungen von Prof. von Wörndle in Wien. Paderborn, Schöningh.

³) Im Jahre 1880 wurde Weber von der Akademie Münster i. W. zu Doctor phil. hon. c. ernannt.