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In brüderlicher Liebe halten ſich die ſchuldloſen Weſen feſt umſchlungen, ſie küſſen ſich wieder⸗ holt, als ob ſie das ihnen von frevelhaften Menſchen drohende Unheil ahnten; neben ihnen liegt ein Gebetbuch, deſſen Anblick die feigen Mörder einen Moment lang umzuſtimmen ſcheint, doch der Böſe läßt ſeine Opfer nicht los, ſie vollbringen die grauſige That, aber quälende Gewiſſensbiſſe ſind fortan ihre beſtändigen Begleiter.— Wie erſchütternd wirken die Fluchworte der Mutter Richard's an den blutbefleckten Sohn:
„Either thou wilt die, by Gods just ordinance.... ¹)
Bloody thou art, bloody will be thy end;
Shame serves thy life, and doth thy death attend“. Sie hofft, daß am Entſcheidungstage ihr Fluch den gottloſen Sohn ſchwerer drücke, als ſeine Rüſtung; ſie will für Richard's Feinde um Erfolg im Gebete flehen, und auch die unſchuldigen Seelen der Kinder Eduard's, die er hingeſchlachtet, werden dann den Feinden des Wüterichs Sieg und Glück verheißend zuflüſtern. Als dann am Vorabend jener verhängnisvollen Schlacht der elende Thronräuber. ſich von allerlei Traumgebilden beunruhigt ſieht, ruft er aus:
„My conscience hath a thousand several tongues,
And every tongue brings in a several tale,
And every tale condemns me for a villain. Kann ein furchtbareres Selbſtgericht über einen Böſewicht hereinbrechen? Sein Gewiſſen hat für ihn 1000 Zungen, und jede dieſer 1000 Zungen erzählt eine andere Geſchichte, und jede dieſer Geſchichten verdammt ihn als einen Schurken. Er klagt ſich an des Meineids im höchſten Grade, des finſteren Mordes im ſchrecklichſten Grade und unzähliger anderer in jedem Grade verübter Frevelthaten, die ſich nun alle zum Richterſtuhle Gottes hindrängen, um das Schuldig gegen ihn auszurufen.— Unvergleichlich ſchön ſind die Worte, mit denen im Henry VIII. der in königliche Ungnade gefallene Wolsey Abſchied von ſeiner hohen Stellung nimmt;
„Farewell. a long farewell, to all my greatness“... ²) So recht treffend vergleicht der Dichter hier den nach Anſehen und Würde haſchenden Mann mit einem Baume, der zuerſt die zarten Blätter der Hoffnung hervorgucken läßt, dann Blüten, und zuletzt Früchte in üppiger Fülle zeigt; und dies alles knickt plötzlich eine tothringende Froſtnacht. Denſelben Gedanken führt er einige Zeilen weiter in nicht minder herrlichem Gleichniſſe aus, indem er den ehrgeizigen Höfling mit einem tollkühnen Knaben vergleicht, der ſich auf die See hinauswagt auf einer Luftblaſe, welche ſchließlich zerplatzt und den Aermſten dann der Gnade des Elements über⸗ antwortet. Die ſchweren Irrtümer ſeines Lebens erkennend, warnt der gefallene Staatsmann den Crom- well vor ähnlichen Fehltritten in den unübertrefflichen Worten:
„Cromwell, J charge thee, fling away ambition“ u. ſ. w. ³) In weſſen Bruſt muß dies Schuldbekenntnis eines allmächtigen Miniſters einerſeits nicht Mitleid und Rührung erwecken, andererſeits aber den Entſchluß hervorrufen, alles zu thun, dem Vaterland zum Frommen und der Wahrheit zur Ehre. Stellen von wirklich großartigem Schwunge und bezaubernder Kraft weiſt Julius Caesar auf. Wie nachdrucksvoll weiß z. B. Antonius die Volks⸗
¹) Derſ. p. 114. *) Derſ. p. 120. ³) Derſ. p. 121.


