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wollte die Macht leugnen, die dieſe Seelengemälde ſtets auszuüben vermochten, wer das mächtige Vibrieren, durch deren romantiſche Darſtellung in unſerem Gefühlsleben wachgerufen, verkennen? Die objektive und wahrheitsgetreue Zeichnung iſt es, die ſich immer dieſes zauberhaften Erfolges rühmen durfte. Ja, Shakespeare rollt eine unermeßliche Welt menſchlicher Geſchicke, Thaten und Leiden⸗ ſchaften vor uns auf; ſo großartig ſind ſeine Stücke, daß ſie für die Tragiker der Griechen voll⸗ kommen Erſatz leiſten. Eine große Anzahl grammetiſcher, hiſtoriſcher, pſychologiſcher und äſthetiſcher Bemerkungen laſſen ſich, wie ſpäter gezeigt werden ſoll, an die Lektüre knüpfen. Ich will an der Hand unſeres Buches einige Stellen einer Beſprechung unterziehen.!) Seite 4 führt der Ver⸗ faſſer uns jene Stelle vor, wo im Merchant of Venice, Portia dem hartherzigen Shylock die Bedeutung der Gnade und Barmherzigkeit vor Augen ſtellt in den Worten:
„The quality of mercy is not strained;
It droppeth as the gentle rain from heaven
Upon the place beneath: it is twice blest;
It blesseth him that gives, and him that takes:
„Tis mightiest in the mightiest, it becomes
The thronöd monarch better than his crown“. Welch' erhabene Ideen werden hier der Jugend dargeſtellt, welch' ſchöne Gleichniſſe vorgeführt! Wie der ſanfte Regen vom Himmel erquickend auf die Erde niederträufelt, ſo birgt auch die Gnade reichen Segen in ſich für den Spender ſowohl, als für den Empfänger. Scepter und Krone fallen dem Fürſten vermöge ſeiner Geburt zu, ſie ſind mehr zufällige Attribute, die Ausübung des Gnadenrechts aber iſt ein ganz frei⸗ williger Akt, der Ausfluß ſeines milden, edlen Herzens. Eine Scene voll Rührung ſchildert uns der Dichter in ſeinem Richard III., als die arme Wittwe Eduard's IV. in Herzensangſt zum Tower eilt, um ihre armen dort eingekerkerten Kinder zu beſuchen, und ſie, vom Intendanten abgewieſen, mit ſchmerzerfüllter Bruſt jene alten Kerkermauern anredet:
„Pity, you ancient stones, those tender babes
Whom envy hath immured within your walls!
Rough cradle for such little pretty ones!
Rude ragged nurse,— old sullen playfellow
For tender princes,— use my babies well!
So foolish sorrow bids your stones farewell!“ Der unglücklichen Mutter wird es verſagt, ihre lieben Kleinen im Gefängniſſe an ihr Herz zu drücken, ſie wendet ſich daher an die kalten, ſtarren Kerkermauern mit der Bitte, doch barmherziger ſein zu wollen als die Menſchen. Herrlich ſind die Bilder, deren ſich der Dichter bedient. Er nennt die alten Steine des Towers eine rauhe Wiege für jene zarten Knaben, die in reichen fürſtlichen Bettchen zu ſchlummern gewohnt waren, er bezeichnet das Gefängnis als eine zerlumpte Wärterin im Gegenſatze zu jener freundlichen, aufmerkſamen Kinderfrau, welche die Söhne Eduards in ſchöneren Tagen pflegte, und wenn er endlich dieſer Unglücksſtätte das Epitheton sullen playfellow(mürriſche Geſpielin) beilegt, ſo will er damit andeuten, daß einſt die Königskinder andere Gefährten die ihrigen nannten. Gewiß findet ſich nirgends eine ergreifendere Dar⸗ ſtellung, als wo Tyrrel die Ermordung der unſchuldigen Kleinen nach der Darſtellung der Mörder berichtet:
„Dighton and Forrest, whom J did suborn To do this piece of ruthless butchery ac. ²)
¹) Ich wähle deshalb nur Stellen aus dem bei uns in III a eingeführten Leſebuche, um den Schülern das Verſtändnis dieſer Abhandlung zu erleichtern. ²) Seamer: Shakespeare's Stories p. 113.


