20 f) Umſchreibung.. 3. L'Aurore cependant au visage vermail Ouvrait dans l'Orient le palais du soleil; La nuit en d'autres lieux portait ses voiles sombres, Les songes voltigeants fuyaient avec les ombres“. Henriade, Chant VI. Das Ganze ſteht für à la pointe du jour.
Endlich eröffnet die Etymologie, die Synonymik, ſowie die Unterſuchung bezüglich des Bedeu⸗ tungs⸗ und Geſchlechtswandels in der franzöſiſchen Sprache dem Lehrer ein reiches, intereſſantes Feld geiſtiger Arbeit. Hierüber einiges zur Erläuterung. Nehmen wir aller, das ſeine Tempora 3 la⸗ teiniſchen Verben, nämlich ire, vadere, adnare entlehnt hat. Letzteres kommt im Altfranzöſiſchen als aner und aler vor und bezeichnete urſprünglich die Bewegung mittelſt des Waſſers. Dieſe beſondere Bedeutung verallgemeinerte ſich allmählich, und heute drückt aller jegliche Art von Bewegung aus. ¹) Ein Analog hierzu liefert adripare an's Ufer kommen, das jetzt in arriver ſchlechthin „ankommen“ heißt. être entſtand aus esse, wofür man ſeit dem 16. Jahrhundert essere antrifft, wie potere, offerrere, inferrere ſtatt posse, offerre, inferre; dies essere wurde kontrahiert zu essre, hieraus entſtand estre und ſchließlich étre. espérer, lat. sperare. Frühzeitig wurden die Verbindungen sm, sc, sp, st durch Vorſetzung eines i für die Ausſprache geſchmeidiger gemacht, ſo hatte man istare für stare, ispiritu für spiritu, istabilis für stabilis. Seit dem 5. Jahr⸗ hundert begegnet man dem e ſtatt i, ſo estudium für studium, espatium für spatium u. a. Mit dem 16. Jahrhundert erleiden dieſe Wörter eine nochmalige Umgeſtaltung, das s fällt und deſſen Beſeitigung bezeichnete ein e mit dem Accent aigu. état(statum) étable(stabulum) étroit (Strictus) étoile(stella) épais(spissus).*) Ohne Kenntnis der Synonymik keine gediegene Kenntnis einer Sprache. Mit Recht iſt daher durch die neuen Lehrpläne vom 31. März 1882 und die Beſtimmungen über die Ordnung der Entlaſſungsprüfungen vom 27. Mai 1882 das Studium der Synonymik in den beiden fremden Sprachen zum teil wenigſtens obligatoriſch gemacht, indem von den Abiturienten Bekanntſchaft mit den wichtigſten Synonymen verlangt wird. Unerläßlich iſt es z. B. zu wiſſen, daß le soir(lat. serum) einfach die Vorſtellung der Zeit erweckt, wohingegen la soirée den Abend in ſeiner Dauer d. i. Abendgeſellſchaft bezeichnet; ebenſo verhält es ſich mit jour, journée, matin, matinée; daß àgé mit Angabe der Lebensjahre und im Sinne von bejahrt, betagt, vieux als alt dem Beſtehen nach im Gegenſatz zu jeune(frais), ancien als alt, ehemalig, und antique als altertümlich, uralt, gebraucht wird; demander drückt ein⸗ fach den Wunſch aus, etwas zu erhalten, prier, bitten, beten, erſuchen, supplier, inſtändig erſuchen, solliciter dringend bitten; car denn, gibt den Grund an und ſteht immer im An⸗ fang des Satzes, donc, denn, alſo, doch, verſtärkt den Sinn des ſtets vorhergehenden Verbs; femme,(femina) iſt Frau im allgemeinen und Ehefrau; 6pouse(sponsa) Gattin, ein edlerer Ausdruck; madame(domina) wird 1) mit folgendem Titel gebraucht, z. B. madame la duchesse und Madame N. 2) als Herrin; 3) als Anrede an verheiratete, oft auch unverheiratete Frauen. ³) Was den Bedeutungswandel anbelangt, ſo bezeichnete z. B. payen(lat. paganus) zur Zeit der Verbreitung des Chriſtentums, während das Heidentum nur noch in den Dörfern herrſchte, alſo in
¹) Val Daedalus..... gelidas enavit ad Arctos. Virg. Aeneid. VI. 16, wo die urſprüngliche Be⸗ deutung von enare auch eine Erweiterung erfahren hat. 3
²) Brachet. Dictionnaire étymologique de la langue française.
³) Als treffliches Werk iſt zu empfehlen: Carl Meurer: Franzöſiſche Synoymik, bei Heinr. Bredt in Leipzig.


