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der unglücklichen Opfer und den endlichen Sieg des Rechts ſchildern, welche Fülle von Gedanken wird in uns erweckt, wie viele Regungen von Furcht und Mitleid geben ſich da kund! Mit welchem Ernſte und mit welcher Wahrheitsliebe eines Moraliſten zeichnet Le Sage ¹) die damalige Geſellſchaft und ihre Sitten! In keinem anderen Buche der Zeit finden wir eine ſolche Anzahl Bilder aus allen Geſellſchaftsſchichten, vom Volke und vom Adel, vom Staatsbeamten und Kirchendiener. Sie alle nehmen gleichſam Fleiſch und Blut an und treten lebendig vor unſere Augen. Eine gute Lehre für manchen Jüngling liegt unſtreitig in den Abſchiedsworten jenes Schmarotzers, der dem Gil Blas den guten Rat erteilt:
„Soyez désormais en garde contre les louanges, défiez-vous des gens que vous ne connaitrez point. Vous en pourrez rencontrer d'autres qui voudront, comme moi, se divertir de votre crédulité, et peut-èêtre pousser les choses encore plus loin“. Nicht minder beherzigenswert erſcheinen die Worte des Erzbiſchofs von Granada an den unerfahrenen Studenten, der ſich herbeigelaſſen hatte eine Predigt ſeines Gönners weniger günſtig zu beurteilen. „Vous étes encore trop jeune“, ſpricht der Kirchenfürſt,„pour déméler le vrai du faux. Apprenez que je n'ai jamais composé de meilleure homélie que celle qui a le malheur de n'avoir pas votre approbation...... Désormais je choisirai mieux mes confidents, j'en veux de plus capables que vous de décider....... Adieu, monsieur Gil Blas, je vous sonhaite toutes sortes de prospérités avec un peu plus de gout“. Auch als Schreiber des Herzogs de Lerme muß Gil Blas bittere Lebenswahrheit vernehmen, indem er ſeine Entlaſſung erhält mit folgenden Worten:
„En vérité, Gil Blas, je ne te reconnais plus. Avant que tu fusses à la cour, tu avais toujours l'esprit tranquille. A présent je te vois sans cesse agité. Tu formes projet sur projet pour t'enrichir; et plus tu amasses du bien, plus tu veux en amasser.....
Und er ſchließt füglich:
„Adieu, séparons-nous à l'aimable. Défaisons-nous tous deux, toi d'un censeur de tes actions, et moi d'un nouveau riche qui se méconnait“. Ein großes Lob liegt auch darin, daß der Schriftſteller durchaus moraliſch iſt; er hat es verſtanden, die ſchlechten Sitten durch getreue Schilderung zu rügen, ohne daß je ein unäſthetiſches Wort, ein unſauberes Bild ihm ent⸗ ſchlüpft. Mit Fug und Recht paſſen hier die Worte Patius:
„On trouverait difficilement une censure plus vive du vice et du ridicule, une narration plus rapide, un style plus franc, plus vrai, plus naturel, plus de bon sens et d'esprit tout ensemble, plus de natveté et de verve satirique“.— ²)³) Mume de Stael in ihrem Buche„de l'Allemagne“ war die erſte, welche ihren Landsleuten ein treues Bild von dem poetiſchen und geiſtigen Leben dieſes„barbariſchen Volkes“ gezeichnet hat. 4) Mit gerechtem Stolze und dankbarer Anerkennung hören wir ihr Urteil:
„Il est impossible que les écrivains allemands, ces hommes les plus instruits et
¹) Selbſtverſtändlich können nur wenige aus der langen Reihe der Autoren erwähnt werden; ſie ſollen ja nur als Beiſpiele dafür dienen, daß die franz. Litteratur einen genügenden Schatz ethiſchen Bildungsſtoffes in ſich birgt.
²) Vgl. Nouvelle Biographie générale(B. XXX, Artikel L. S.)
²) Vaperau, Dictionnaire des litteratures; die Lobreden, welche Patin Malitourne und St. Mare Girardin 1822 für die Preisbewerbung, welche die Académie über den„Eloge de L. S.“ veranſtaltete, geſchrieben haben.
⁴) Auch ein neuerer franzöſiſcher Dichter Nicolas Martin, der Neffe Simrocks, ſpricht in ſeinem Gedicht„de l'Alle- magne“ ſeine ſympathiſchen Gefühle für das Vaterland ſeiner Mutter aus, Gefühle, die allerdings nach 1870/71 erkalteten.


