Aufsatz 
Die neueren Sprachen als Bildungsmittel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

K1da5 1 finir par; beinahe avoir failli; ſoeben venir de; fortwährend ne(pas)

cesser de; ſogleich aller faire..... u. ſ. w.

Ein Jeder der franzöſiſchen Sprache Kundige kennt die feinen, teilweiſe recht ſchwierigen Unterſcheidungen im Gebrauche von en und y und die ſo häufige pleonaſtiſche Verwendung jener Partikeln in Verbindung mit einem Thätigkeitsbegriff, wie in il y a, il y va de quelque chose, je n'y vois plus, s'y prendre, s'en aller, en imposer, en vouloir à, en finir, en etre à, c' en est fait etc. Ein großer Vorzug der franzöſiſchen Sprache vor der lateiniſchen beſteht ohne Zweifel darin, daß ſie über eine überaus große Anzahl von Ableitungsſilben verfügt, kraft deren ſie aus einem Stamme eine Menge verwandter, aber gleichwohl unter ſich ſtreng geſonderter Aus⸗ drücke herleiten kann. Durch geringfügige Aenderungen am Stamme oder an der Endung werden

neue Wörter gebildet, z. B. aus caballus der lingua rustica entſtanden nicht weniger als 23 Neubildungen. ¹)

Neue Wörter werden gebildet aus Zeitformen, Fürwörtern, Zahlwörtern, Steigerungsformen. Häufig werden abgeleiteten Wörtern ſogar neue Ableitungen entlehnt, ſo daß erſtere nun als Stamm erſcheinen, z. B. feuille, feuillet, feuilleter. Aeußerſt zahreich ſind Ableitungen von Präpo⸗ ſitionen vorhanden, z. B. von ante(aus ab ante) avant, avancer, avance, avancé, avancée, avancement, avanceur, avantage, avantager, avantageux. ²) ³) Ferner gereicht es der fran⸗ zöſiſchen Sprache zum Vorteil, daß ſie in weit ausgedehnterem Maße als dies im Lateiniſchen vor⸗ kommt, Subſtantive als Vertreter von Adjektiven verwendet, z. B. ami lecteur, femme poète, divinité vengeresse, femme pécheresse, cause créatrice; namentlich tritt dieſer Fall ein bei Subſtantiven zur Bezeichnung einer Farbe; ſo ſagt man des rubans cerise, des gants paille, une étoffe orange, une robe violette. Soweit die Formenlehre. Betrachten wir jetzt die Syntax, denn in dieſer kommt das in der Spreache vollendete Geſetz, der Sprachcharakter zum Ausdruck. In dieſer Hinſicht darf ich unbedenklich behaupten, daß das Franzöſiſche hinter dem Lateiniſchen und Griechiſchen an logiſcher Schärfe, ſtrenger Geſetzmäßigkeit und reicher Gliederung keineswegs zurück⸗ ſteht. Es würde den Rahmen dieſes Aufſatzes überſchreiten, wollte ich an der Hand der Grammatik die einzelnen Kapitel einer Prüfung unterziehen; einige Hauptpunkte dürften unſerem Zwecke ſchon genügen. Bekanntlich gelten die 4 Formen des griechiſchen Bedingungsſatzes wegen ihrer feinen Unterſcheidung für eine vortreffliche Schulung des Geiſtes. Auch im Franzöſiſchen, wo ſich gleich dem Lateiniſchen nur 3 Fälle ausgebildet haben, nehmen die Bedingungsſätze die ganze geiſtige Kraft des Schülers in Anſpruch. Der Lernende muß wiſſen, daß dieſer Nebenſatz in ſeiner grammatiſchen Reinheit erſcheint: 1. da, wo der Zuſammenhang keine Entſcheidung über ſeine Verwirklichung ent⸗ hält; si vous pardonnez à notre ville, je n'y entrerai jamais(Chateaubr.) 2. da, wo der Inhalt des Nebenſatzes vom Sprechenden bezweifelt oder verneint wird. Dieu me punisse si j'imagine quelque chose.(G. Sand.) 3. oder wo der Redende ſich dieſer Satzform bedient, obwohl

¹) Fuchs: Die romaniſchen Sprachen in ihrem Verhältniſſe zum Lateiniſchen p. 311 ff. ³) Vgl. Mätzner: Franz. Grammatik p. 264 ff.

²) Scholle: Faut-il voir dans le changement de forme et de sens qu'ont subi les mots latins en passant au français une infériorité de cette langue? Progr. der Dorotheenſtädtiſchen Realſchule. Berlin, 1866.