Aufsatz 
Die neueren Sprachen als Bildungsmittel
Entstehung
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4 ungen inne, und nötigt ſo den Schüler zur ſtrenger, logiſcher Unterſcheidung der Begriffe. Dafür ein Beiſpiel:

1) la couronne de la reine, 2) une couronne d'une reine, 3) une couronne de la reine, 4) une couronne d'une reine, 5) la couronne de reine,

6) une couronne de reine.

Welche feine Unterſcheidungen finden ſich hier für das einzige corona reginae! Die franzöſiſche Sprache iſt übrigens durchaus nicht ſo arm an Formen als in der Regel behauptet wird; ich erinnere nur an die Nominativendungen der Adjektive, bei denen das Griechiſche mit 31, das Lateiniſche mit 29 und das Franzöſiſche mit 16 vertreten iſt. Was ferner die Pronomina angeht, ſo übertrifft hierin die franzöſiſche Sprache die klaſſiſchen Sprachen bei weitem.

Beiſpielsweiſe:

Nom. Masc. qui, quis. qui, que, lequel. fem. quae qui, quelle, laquelle. neutr. quod qui, que, quoi.

masc. de qui, dont, de quel. Gen. fem. cuius de quelle, du quel, de la quelle. neutr. de quoi.

Während dem Latein lernenden Schüler bei der Ueberſetzung von deſſen, deren, weſſen, faſt gar keine Schwierigkeiten in den Weg treten, da cuius die den 3 Geſchlechtern gemeinſame Form iſt, hat man im Franzöſiſchen, das nicht weniger als 7 Fermen für cuius aufzuweiſen hat, wohl zu überlegen, welche derſelben zu wählen ſei. Daß es der franzöſiſchen Sprache nicht an Formenfülle gebricht, beweiſt das Verbum. Laſſen wir darüber eine Autorität urteilen:

Das Streben der Sprache bei dem Ausdruck des Gedankens analytiſch zu verfahren, hat eine Neubildung von Konjugationsformen hervorgerufen, durch welche die in den ſynthetiſchen Formen des Lateiniſchen ſteckenden Begriffe doppelt, ja vierfach, bei dem Plusquamperfectum ſogar achtfach geſchieden werden können; z. B. amaveram, a). j'avais aimé, aimée, aimés, aimées. b). j'eus aimé, aimée, aimés, aimées. Das Franzöſiſche tritt dadurch dem Griechiſchen an logiſcher Schärfe weit näher. Es hat neben dem Konjunktiv noch 2 beſondere Konditionalformen, neben dem Per- fectum noch einen Aorist(Passé défini) ſowie 2 Plusquamperfecta; es nötigt bei allen Paſſiv⸗ formen zur Unterſcheidung der Zahl und des Geſchlechts(amor, je suis aimé, aimée); es hat zwar die Conjugatio periphrastica aufgegeben, dafür aber 3 neue Partizipien geſchaffen(ayant aimé, aimée, aimés, aimées; étant aimé, ée, és, ées, ayant été aimé, ée, és, ées), von denen das Lateiniſche nur ein einziges bei wenigen Zeitwörtern beſitzt. ¹1) A. W. Schlegel hat die Sprachen⸗ in ſynthetiſche und analytiſche geſchieden; erſtere ſollen faſt alle Beziehungen der Wörter durch En⸗ dungen auszudrücken vermögen, letztere jedoch auf die Zuhülfenahme von Hülfsverben(avoic, étre) ange⸗ wieſen ſein; mit anderen Worten, den klaſſiſchen Sprachen wohne inneres, organiſches, ſchöpferiſches Leben inne, den lebenden dagegen fehle die bewegende Kraft; inſofern ſie ſolche beſitzen, ſei dies der Reflex

¹) Schmidt: Allg. Encyclopädie der Erziehung und des Unterrichts. II. 934.