Aufsatz 
Die neueren Sprachen als Bildungsmittel
Entstehung
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Pädagogen anſcheinend kühl und teilnamlos zuſchaute, ſind neuerdings von einer tiefgehenden Be⸗ wegung ergriffen worden, indem in Maſſenpetitionen die ſog. Einheitsſchule, d. i. die Schule mit beſchränkter Stundenzahl in den alten, mit verſtärkter in den neueren Sprachen und in der Natur⸗ wiſſenſchaft verlangt wird. Alſo ſchon die Thatſache, daß die modernen Sprachen trotz mannigfacher Vorurteile und Anfeindungen nicht nur nicht ihre Stellung behauptet, ſondern weſentlich geſtärkt und erweitert haben, ſpricht hinlänglich für ihre Lebensfähigkeit; es bleibt jetzt nur noch der Nachweis zu führen, ob dieſelben als Bildungsmittel an Tüchtigkeit und innerem Gehalt dem Lateiniſchen und Griechiſchen ebenbürtig an die Seite geſtellt werden dürfen. Zu dieſem Zwecke gehen wir dazu über, ihre Be⸗ deutung als Bildungsmittel darzuthun, indem wir folgende zwei Geſichtspunkte in's Auge faſſen: A. den Wert der neueren Sprachen in formaler, B. in materialer Hinſicht. Unter formaler Bildung verſtehen wir die logiſche Schulung und Entwicklung des Denkvermögens, die den Menſchen befähigt, ſich ſpäter wiſſenſchaftlichen Unternehmungen zu widmen und an die Löſung wiſſenſchaftlicher Auf⸗ gaben heranzutreten. Nicht das Maß von Kenntniſſen kommt hier in Betracht, ſondern die Stählung und Uebung der Geiſteskräfte. ¹1) Die materiale Bildung bezweckt nicht die Aneignung eines reichen Schatzes von Kenntniſſen, die im praktiſchen Berufe zu verwerten ſind, ſie iſt vielmehr darauf gerichtet, den menſchlichen Geiſt durch Einführung in den inneren Gehalt des Bildungselements harmoniſch auszubilden, in ihm die Ideeen des Guten und Schönen zu wecken, ihm rein menſchliche Geſittung und edle Geſinnungen einzupflanzen. Man könnte ſtatt des Begriffsmaterial ebenſo gutgeiſtig⸗ ethiſch ſetzen. Erſtens alſo wollen wir von dem formalen Bildungswerte der neueren Sprachen, und zwar zunächſt mit Rückſicht auf das Franzöſiſche handeln. Der Hauptvorwurf, welcher gegen die neueren Sprachen erhoben wird, iſt der, ſie ſtänden an Formenreichtum weit hinter den klaſſiſchen Sprachen zurück. ²) ³) Indeſſen kann der Formenreichtum an und für ſich noch keineswegs für den Bildungswert einer Sprache ausſchlaggebend ſein, ſonſt müßten manche heutzutage geſprochenen Sprachen, namentlich die des finniſchen Sprachſtammes, zu dem das Eſthniſche, Lappiſche u. a. ge⸗ hören, und welche allein für die Deklination nicht weniger als 23 Kaſus und folglich ebenſo viele beſondere Begriffsſchattierungen aufweiſen als Bildungsmittel dem Lateiniſchen und Griechiſchen überlegen ſein und an deren Stelle dem Unterrichtsplan einverleibt werden. ¹) Es kommt vielmehr auf die Geſetzmäßigkeit an, die in den Formen herrſcht, auf die Erkenntnis des Lernenden, nach welchen Prinzipien dieſe oder jene Form zur Erſcheinung gelangt. Dies ſchärft den jugendlichen Geiſt, ver⸗ leiht Scharfblick, Ueberſicht und Elaſtizität und bleibt auch, wenn die Formen längſt dem Gedächtnis entſchwunden ſind. Sollte nun z. B. patris bildender ſein als du père? Gewiß nicht. Im Gegen⸗ teil, letzteres erhält durch die Kontraktion aus de le entſchieden bildendere Kraft.)⁰6) Durch den Artikel weiß das Franzöſiſche mehrere logiſche Verhältnisformen darzuſtellen, welche in den lateiniſchen Endungen zuſammenfallen, es wohnt ihm dadurch eine große Mannigfaltigkeit von Begriffsnüancier⸗

¹) Vgl. Sonnenberg:Programm der Realſchule zu St. Petri und Pauli in Danzig 1865 p. 5 fl. Dieſe Abhandlung iſt wegen ihrer klaren Darſtellung ſehr leſenswert.

²) Höhnen: Programm der höheren Gewerbeſchule zu Barmen, 1870 p. 7 u. 8.

³) Winkler;: Progr. des Gym zu Leobſchütz 1861.

⁴¹) Vgl. Mich. Weske: Unterſuchungen zur vergleichenden Grammatik des finniſchen Sprachſtamms. Inaug. Dissert. Leipzig 1872.

*) Vgl. Schmitz: Encyklopädie des phil. Stud der neueren Sprachen. IV ² 106. ³) P. Hummel: Programm d Realſchule 1. O. zu Weimar, Oſtern 1879. p. 6. ff.