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Im Jahre 1844 finden wir in der geſamten preußiſchen Monarchie nur einen einzigen ordentlichen Profeſſor der neueren Sprachen, nämlich Friedrich Diez an der Bonner Univerſität, wohingegen heute an ſämtlichen Hochſchulen meiſtens zwei ordentliche Vertreter neben einer Anzahl von Privatdozenten und Lektoren ihre Vorleſungen auf dem Gebiete der modernen Philologie ankündigen. Eine lange Reihe hochbegabter Männer, wie Mätzner, Fuchs, Bartſch, Herrig, Mayer, Gallenkamp, Mahn nahmen gegen Mitte dieſes Jahrhunderts ſich der mündig werdenden neueren Sprachwiſſenſchaft an; es trat „die Berliner Geſellſchaft für das Studium der neueren Sprachen“ ins Leben, aus dieſer ging wiederum„die Akademie für moderne Philologie“ hervor, deren Eröffnung im Jahre 1872 in Berlin ſtattfand und deren index lectionum nicht weniger als 20 verſchiedene Lehrgegenſtände, und im Sommerſemeſter 1875 ſogar deren⸗ 33 aufzuweiſen hatte. ¹).
Hatten für Studierende der klaſſiſchen Philologie Spezialkurſe unter Leltung einzelnär Profeſſoren ſchon lange Zeit beſtanden, ſo ſind nun auch faſt überall getrennt von den akademiſchen Vorleſungen, romaniſche, germaniſche und engliſche Seminare eingerichtet, in denen man ſich hauptſächlich mit der Kritik und Interpretation ſchwieriger Stellen in den Klaſſikern zu befaſſen hat. Ja, die neueren Sprachen als Wiſſenſchaften ſind auf allen Punkten kühn und ſiegesgewiß mit anderen Disziplinen in die Schranken getreten; klar ſchauende Männer erkannten, daß die Bildungselemente, welche bislang beim Unterricht in den toten Sprachen verwertet wurden, auch beim Unterrichte in den lebenden Sprachen verwandt werden könnten, daß Franzöſiſch und Engliſch bei richtiger Methode Verſtand und Gemüt ebenſo bilden als Latein und Griechiſch. Die neueren Sprachen liegen nach Anſicht jener Männer dem Begriffsvermögen des Schülers viel näher als die klaſſiſchen, da ſie ſich in Denkweiſe und Auffaſſung der Welt auf demſelben Boden mit ihm bewegen; mit geringerer Mühe könne er ihren Gedankeninhalt erfaſſen, weil ſprachliche und archäologiſche Schwierigkeiten ihm weniger hinderlich entgegen treten, und ihre Litteratur endlich biete ein Bildungsmaterial, das um ſo viel höher zu erachten ſei, als die heutige Weltſtellung die der antiken Völker übertreffe. Als epoche⸗ machend in den Reihen der Vorkämpfer für die Rechte der neueren Sprachen gilt vor allem Oſten⸗ dorf. ²) Er vertritt die Meinung, der fremdſprachliche Unterricht habe mit dem Franzöſiſchen und nicht mit dem Lateiniſchen zu beginnen, da im jugendlichen Alter von 9 oder 10 Jahren die fran⸗ zöſiſche Ausſprache die ſinnliche Seite des Kindes mehr anrege, die Aufmerkſamkeit ſpanne und für die Ausſprache der Mutterſprache reinigend wirke. Die Formenlehre der franzöſiſchen Sprache, weil einfacher als die lateiniſche, ermögliche ein ſchnelleres Fortſchreiten, die Syntar, weil klarer und durch⸗ ſichtiger, beſitze für den Anfänger größere bildende Kraft und die Sätze der lateiniſchen Grammatik, die dem jugendlichen Geſichtskreiſe fern lägen, wären nicht imſtande des Knaben Intereſſe gehörig zu feſſeln. ³) ⁴) Oſtendorf's Ideeen ſind auf fruchtbaren Boden gefallen. Vereine von Realſchulmännern mit ihren Direktoren an der Spitze erheben alljährlich in zahlreich beſuchten Verſammlungen ihre Stimme, Fachzeitungen und Broſchüren in Menge fordern eindringlich die Gleichberechtigung der alten und neueren Sprachen, und ſogar die Kreiſe des gebildeten Publikums, das biäher. dem Streite der
¹) Herrig's Archiv VL IV 1 Heft 127. ²) Während der ſechziger Jahre Direktor der Realſchule I. O. zu Lippſtadt, nachher Leiter der Realſcute zu Düſſeldorf. ³) Ostendorf: Michatligprogramm der Realſchule zu Düſſeldorf 1873. 1 )) Ein warmer Verfechter dieſer Anſicht iſt Völcker; dieſer ſagt:„Es iſt ünd bleibt ein Unfinn, das Lateiniſche in Sexta anzufangen“. Pädag. Archiv XXX(5.) 1888 p. 291. Auch Gymnaſialdirektor Lattmann ſpricht ſich im Oſterprogr. des Gym. zu Clausthal 1880 im Prinzip für Oſtendorf's Theorie aus.


