Die neueven Sprachen als Bildungsmillel.
Vom Realprogymnaſiallehrer Franz Bwald.
Der Kampf der„Alten und Modernen“, die jeder ihrerſeits die höhere Bedeutung ihrer Sprachen als Bildungsmittel nachzuweiſen ſuchen, iſt in unſeren Tagen heftiger denn je entbrannt.„Fort mit dem nutzloſen Latein und Griechiſch“ ertönt das Feldgeſchrei hier;„das Gymnaſium mit ſeinen beſtehenden Einrichtungen, mit ſeinen überwiegend klaſſiſchen Studien muß die monopoliſierte Bil⸗ dungsſtätte der Jugend bleiben“ lautet die Forderung dort. Es wäre thöricht den alten Sprachen ihren Wert abſprechen, ihre Bedeutung mindern zu wollen, denn bei den größten Fortſchritten, welche das Menſchengeſchlecht ſeit einigen Jahrhunderten zu verzeichnen hat, ſeit dem Uebergange aus dem Mittelalter in die Neuzeit, dem Emporblühen der Künſte und Wiſſenſchaften im vorigen Jahr⸗ hundert, ſind die klaſſiſchen Studien einer der bedeutendſten Faktoren, die Vermittler zwiſchen der Vergangenheit und der aus ihr continuirlich hervorgegangenen Gegenwart geweſen.„Ein Vatermord wäre es“, um mit Gantter zu reden,„dem Elemente das Leben zu rauben, dem wir alle unſere Bildung verdanken, eine Tollheit, den Stamm eines Baumes zu durchſägen, der auf ewige Zeiten goldene Früchte tragen wird.“ Dem Lateiniſchen und Griechiſchen muß alſo ſein Recht bleiben. Aber jedes Ding trägt ſeine Exiſtenzberechtigung in ſich. Wenn es einem irgend wie ſich fühlbar machenden Bedürfniſſe entſpricht und lebens⸗ und entwicklungsfähig erſcheint, ſo hat es einen Anſpruch zu exi⸗ ſtieren und es wird ſich trotz aller ihm entgegentretenden Hinderniſſe, trotz der Ungunſt der Zeiten bis zu ſeinem Höhepunkte emporarbeiten. So iſt es mit den neueren Sprachen(ich habe ſpeziell das Franzöſiſche und Engliſche im Auge.) Dieſelben haben in unſeren Tagen einen nie ge⸗ ahnten Aufſchwung genommen. Während früher auf den höheren Bildungsanſtalten kaum fakultativer Unterricht darin erteilt wurde, und von beſonderen Lehrſtühlen auf den Hochſchulen abſolut keine Rede war, beſitzt jetzt, abgeſehen von dem Realgymnaſium, jedes Gymnaſium eine moderne Sprache, in der Regel das Franzöſiſche, als obligatoriſchen Lehrgegenſtand; an manchen, z. B. den hannöverſchen und oldenburgiſchen Gymnaſien iſt außerdem das Engliſche als ordentliches Fach beibehalten worden.*) ) Herrig's Archiv IV. p. 200. Das königl. ſächſiſche Regulativ für Gelehrtenſchulen vom Jahre 1847 tritt dem. Vorurteile entgegen, es ſei das Studium der alten Sprachen das einzige Bildungsmittel, und im Lehrplane der Gymnaſien des Herzogtums Naſſau für 1846 heißt es: Die engl. Sprache ſoll in den 4 Oberklaſſen je zu 2 Stunden, „unentgeltlich“ und„unverbindlich“ gelehrt werden.


