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ſich am leichteſten im Leben ſelbſt verwerten, ſondern was erhebt den Geiſt zu höherem, edlerem Streben, was befähigt ihn zu gründlichem Betreiben der Wiſſenſchaft, was iſt für ihn die beſte Schule zum Denken, was gibt die ſicherſte Grundlage zu ernſter Lebensführung und den ſicherſten Halt in den Stürmen des Lebens?
Die Gymnaſien haben noch immer den praktiſchen Beweis geliefert, daß ſie zu allen dieſen Gütern am beſten verhelfen.
Und doch ſind ſie gerade, wie zur Zeit der Gründung unſerer Anſtalt, ſo in dieſen ganzen 25 Jahren der Gegenſtand der gehäſſigſten Angriffe geweſen. Und wenn man ihnen auch heute die gerühmten Vorzüge nicht abſtreiten kann, ſo behauptet man doch, ſie ſeien nicht mehr zeit⸗ gemäß, die Gegenwart habe auch ihr Recht. Auch W. Oſtwald, der auf ſeinem eigenen Gebiete ſo große, ſo gewaltige Gelehrte, der Gründer und Leiter des Moniſtenbundes, der eine große Gemeinde gläubiger Anhänger um ſich geſchart hat, er bekämpft das humaniſtiſche Gymnaſium und nennt es unmodern und veraltet.
Wie ungerecht ſind alle dieſe Vorwürfe! Die Gymnaſien haben ſich den gewaltigen Fort⸗ ſchritten, die die Altertumswiſſenſchaft, die Naturwiſſenſchaften, die Technik und Induſtrie gemacht haben, nicht verſchloſſen, ſie ſind ihren neueſten großen Errungenſchaften nicht ferngeblieben, ſondern ſind ihnen aufmerkſam gefolgt, haben ſie ſich zu eigen gemacht und in ihren Lehrplan aufgenommen.
Die Ergebniſſe der Sprachforſchung, die heute aufs tiefſte in das Weſen der Sprache eindringt, ſie ſind auch in die Gymnaſien gedrungen. Durch die Vergleichung verwandter Sprachen und die hiſtoriſche Behandlung dieſer hat auch in den Gymnaſien der Sprachunterricht eine ganz andere Geſtalt genommen. Soweit dies möglich iſt, erhalten unſere Schüler einen Einblick in den Zuſammenhang der Sprachen, in ihre Verwandtſchaft, ihre Ähnlichkeit und Verſchiedenheit.
Das Gymnaſium hat ſich den Errungenſchaften, die die Altertumswiſſenſchaft in allen ihren Zweigen ſonſt gemacht hat, nicht ferngehalten. Viele Bild⸗ und Literaturwerke, die in den letzten Jahren aufgefunden worden ſind und die das Altertum in anderem, hier und da richtigerem Lichte erſcheinem laſſen, auch ſie werden in der Schule beachtet. Die Ausgrabungen in Mykenä und auf Mreta, in Olympia und in Pergamon haben das Griechentum uns in hellerem Lichte gezeigt, und literariſche Funde wie die rohrreia des Ariſtoteles, die Chorlieder des Bacchy⸗ lides, die Luſtſpiele des Menander, das erſt ganz vor kurzem aufgefundene Satyrdrama des So⸗ phokles und manche Papyrusfunde geben uns eine richtigere Auffaſſung des Griechentums, als man früher hatte. Auch hier korrigieren wir Lehrer unſer Urteil und laſſen unſere Schüler daran teilnehmen. 7
So iſt das Gymnaſium nicht auf einem veralteten Standpunkt ſtehen geblieben, ſondern reformiert ſich immer wieder von neuem. Auch in den humaniſtiſchen Gymnaſien wird biolo⸗ giſcher Unterricht gegeben, auch hier hören die Schüler von Bürgerkunde und ſtaatsbürgerlicher Erziehung. Dem Engliſchen iſt viel größerer Spielraum gewährt, der franzöſiſche Unterricht wird nur von Lehrern erteilt, die ſelbſt längere Zeit in Frankreich zugebracht haben. Auch in unſerer Anſtalt ſind ſchon mehrere Male franzöſiſche Konverſationsſtunden von geborenen Franzoſen ab⸗ gehalten worden.— Der Unterricht in der Mathematik hat ſeit Gründung unſerer Anſtalt ſehr große Fortſchritte zu verzeichnen. Die Lehrpläne von 1891 und 190] haben den Koordinatenbegriff, die Grundlehren der Kegelſchnitte, ſowie eine Anleitung zum projektiviſchen Zeichnen räumlicher Gebilde in die Lehraufgabe der Prima aufgenommen. Gerade unſere Anſtalt iſt in der Betonung dieſer letzteren für die Technik ſo wichtigen Diſziplin zuerſt in die Schranken getreten und hat eine


