16
Und mit welchem Geiſte Sie, hochverehrter Herr Direktor, der Sie erſt vor wenigen Tagen bei uns eingetreten ſind, unſer Gymnaſium leiten werden, das wiſſen wir im voraus. Wir kennen Sie aus Ihren Werken ſchon lange als einen Mann, der durchdrungen iſt von der Schönheit des Griechentums, und dem griechiſche harmonie und griechiſche humanität Güter ſind, die zu üben und zu pflegen ihm Herzensſache iſt.
Hoffen wir alſo, daß die Gefahr, die dem griechiſchen Unterricht von vielen Seiten droht, endlich beſeitigt iſt. Iſt auch in den 25 Jahren, in denen unſer Gymnaſium beſteht, oft am Bau dieſer Schulgattung gerüttelt worden— und noch in aller letzter Zeit hat man von unſerer Stadt aus verſucht, das Griechiſche aus dem Gymnaſium zu verdrängen und die erhabene Perſon unſeres Kaiſers dafür zu gewinnen geſucht— wir können hoffen, dank den Männern, die ſo treu auf der Wacht ſtehen und ſo mutig, ſo kräftig dafür eintreten, daß es uns ungeſchmälert erhalten bleibt, daß das Griechiſche, dieſes Herzſtück des Gymnaſiums, uns nicht entriſſen wird, ſondern das Gymnaſium ſeine bewährte Sigenart behält. Das verſtändnisvolle Sintreten für die humaniſtiſche Schulbildung in beiden Häuſern des preußiſchen Landtags in letzter Zeit gibt uns neuen Mut, ebenſo die beſonnene einſichtsvolle Haltung des preußiſchen Kultusminiſteriums.
Zu dieſer Hoffnung berechtigt uns aber vor allem unſer erhabener Kaiſer ſelbſt. Er, der ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung großenteils einem humaniſtiſchen Gymnaſium dankt und auf einem ſolchen die Reifeprüfung beſtanden hat, er hat oft ſein tiefes Verſtändnis und ſeine Liebe für das Griechentum kundgetan. Er, der Begründer der deutſchen Schulreform, hat im Jahre 1890 die erſte große Schulkonferenz, die ſogenannte Dezemberkonferenz, berufen, zu der auch der erſte Direktor unſerer Anſtalt zu gehören die Ehre hatte. In dieſer bezeichnete unſer Kaiſer das Griechiſche als notwendigen Beſtandteil der klaſſiſchen Schulbildung. Zwei ſeiner Söhne ließ er Griechiſch lernen. Im Jahre 1900 berief er die zweite Schulkonferenz. In der Kabinettsordre vom 26. November 1900 findet ſich eine Bemerkung, die auf hebung des griechiſchen Unterrichts abzielt. Und als im vorvorigen Jahre unſer Kaiſer der Prima des Caſſeler Friedrichs⸗Gymnaſiums eine neue Fahne ſtiftete zur Erinnerung daran, daß aus dieſem Gymnaſium ein Deutſcher Kaiſer hervorgegangen iſt, hob er in einer Anſprache an die Primaner hervor, daß das Gymnaſium beſonders das Studium des klaſſiſchen Altertums aufgenommen habe. Beim Studium der Antike am Gymnaſium ſei der hauptwert auf die dem Griechenvolk mehr als jedem anderen eigne— unſrer Heit ganz fehlende— Harmonie in Kunſt, Leben und Philoſophie zu legen.
Die hier von Sr. Majeſtät geſprochenen Worte haben einen klaren Beweis geliefert, wie richtig unſer Kaiſer das den Griechen Charakteriſtiſche erkannt hat und welche Hochſchätzung er für den griechiſchen Unterricht hegt. So können wir hoffen, daß er leichtfertigen Umſtürzlern nicht Gehör ſchenken, ſondern auch ferner ein ſtarker Schutz und Schirm unſeres geliebten Gymnaſiums ſein wird. Faſſen wir alle unſere Wünſche zuſammen in den Ruf:
„S. Majeſtät, unſer allergnädigſter Kaiſer, Er lebe hoch“!!!
———


