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ging in ſeiner Begeiſterung ſogar zu weit und ſah in den griechiſchen Meiſterwerken das ewige Vorbild für alle Zeiten. Was unſere deutſche Sprache und unſere deutſche Literatur der Antike verdankt, hat er am ſchärfſten in dem NXenion ausgedrückt:„Tote Sprachen nennt ihr die Sprache des Flaccus und Pindar, und von beiden nur kommt, was in der unſrigen lebt.“ Von Goethe ſtammt auch das ſchöne Wort„Ja, die Alten ſind auf jedem Gebiete der heiligen Kunſt uner⸗ reichbar. Ich glaube auch etwas geleiſtet zu haben, aber gegen einen der großen attiſchen Dichter, wie Aeſchylus und Sophokles, bin ich doch gar nichts.“ Deshalb wurde er ſelbſt nicht müde, aus dem Borne der Antike zu ſchöpfen und den Nachkommen zu raten:„Möge das Studium der griechiſchen und römiſchen Literatur immerfort die Baſis der höheren Bildung bleiben!“ Viele ſeiner Werke, wie Iphigenie, Hermann und Dorothea, die helena⸗Tragödie im zweiten Teil des Fauſt und viele andere ſind ganz von griechiſchem Geiſte erfüllt.— Aus der Reihe der großen Philoſophen, die begeiſterte Verehrer des klaſſiſchen Altertums und der Griechen waren, ſei es mir erlaubt, eine Stelle von unſerem Frankfurter Weltweiſen Schopenhauer anzuführen, der zwar noch immer wegen ſeines mißverſtandenen Peſſimismus und einiger bizarrer Seiten ſeines Charakters verkannt, aber doch einer der größten Denker aller Zeiten iſt. Er ſagt in den Parerga und Paralipomena(§ 206):„Es gibt keine größere Erquickung für den Geiſt, als die Lektüre der alten Klaſſiker; ſobald man einen von ihnen, und wäre es auch nur eine halbe Stunde, in die hand genommen hat, fühlt man alsbald ſich erfriſcht, erleichtert, gereinigt, gehoben und geſtärkt, nicht anders, als hätte man an der friſchen Felſenquelle ſich gelabt. Es liegt dies an den alten Sprachen und ihrer Vollkommenheit und an der Größe der Geiſter, deren Werke von den Jahrtauſenden unver⸗ ſehrt und ungeſchwächt bleiben. Sollte die Erlernung der alten Sprache einmal aufhören, ſo wird eine Literatur kommen, beſtehend aus barbariſchem und plattem Geſchreibe, und die deutſche Sprache wird verarmen und verkrüppeln“.
So haben unſere größten Denker und Dichter von den Griechen gedacht, und ſo haben ſie ſich alle an den Alten gebildet. Sollten dieſe heute dieſelbe Uraft nicht mehr haben? Wie wäre das denkbar! Wollten wir das Griechiſche aufgeben, ſo würden wir die Brücke zwiſchen unſerer Literatur und dem Griechentum abbrechen und unſere eigene Literatur nicht mehr verſtehen.
Unſere Jugend, die in den Gymnaſien zu Führern des Volkes in den verſchiedenſten Stellungen vorbereitet wird, ſie ſoll in den Griechen den Menſchen und die Menſchheit kennen lernen, denn in der Literatur keines Volkes finden wir ſo wahre, ſo natürliche Menſchen wie in der griechiſchen. Freude und geſunde Sinnlichkeit, Lebensluſt und Lebenskraft, Äußerungen menſch⸗ licher Empfindungen in Glück und Leid finden wir nirgend wahrer und ſchöner ausgedrückt als in den Werken der Griechen. Ein Hauch ewiger Jugend und Schönheit iſt über ſie ausgegoſſen, von dem die Schüler ergriffen werden und einen unzerſtörbaren Eindruck fürs Leben gewinnen ſollen. Das ſtumpft aber nicht, wie unſere Gegner ſagen, gegen das wirkliche Leben und ſeine Forderungen ab, ſondern öffnet die Augen und macht den Geiſt zu richtiger Auffaſſung und Beur⸗ teilung der Gegenwart fähig. Das entfremdet dem Vaterlande nicht, ſondern führt zu dem Vater⸗ lande hin. Und gerade in unſerer Zeit tut eine Bildung, wie das Gymnaſium ſie den Schülern bietet, not. Denn die veränderte Form, die unſer VYaterland ſeit dem letzten großen Kriege an⸗ genommen hat, die Hebung des Wohlſtandes, das Haſten und Jagen nach Beſitz und Lebensgenuß laſſen keine Zeit zu ruhiger Beſinnung und Vertiefung. Dem gegenüber ſollte man die Schulen hochhalten, die den idealen Sinn der Jugend wecken. Nicht ſollte man fragen, was verhilft am beſten zu Macht, was am ſchnellſten zu Reichtum, was von dem in der Schule Erlernten läßt


