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ſteter Veränderung und Entwicklung bexgriffen ſind, ſagen, was richtig und was falſch iſt, was ſchön und was häßlich iſt, warum es ſo heißen muß und warum nicht anders.
So wird durch das grammatiſche Verſtändnis der Inhalt der Schriftſteller erſchloſſen. Wenn ſo die Schüler nicht zu raten und zu taſten brauchen, ſondern die Formen und Satzkonſtruk⸗ tionen ſicher beherrſchen, dann können wir ihnen— und darauf iſt die Behandlung der alten Schriftſteller längſt gerichtet— den Inhalt des Geleſenen zum richtigen Verſtändnis bringen, ihren Geſchmack dadurch bilden, ihr Gefühl anregen, ihren Willen ſtählen.
Ferner ſagen unſere Gegner, die griechiſche Sprache habe keinen praktiſchen Wert fürs Leben. Sie wiſſen nicht, daß es hier auf den Marktwert gar nicht ankommt. Wir wollen ja gar nicht in der Schule das lehren, was man direkt im Leben braucht— das tun die Amerikaner— unſer Bildungsideal iſt ein anderes. Wir wollen den jungen Geiſt fähig machen, ſich ſpäter das aneignen zu können, was das Leben erheiſcht. Unſere Gegner wiſſen nicht, daß es gerade eine im hohen Grade würdige Aufgabe des Menſchengeiſtes iſt, Dinge ohne Rückſicht auf praktiſche Verwend⸗ barkeit zu betreiben. Sie wiſſen den formalen Wert der griechiſchen Sprache nicht zu würdigen.
Die Einführung in das Altertum iſt ferner von der größten Wichtigkeit, weil auf ſeiner Uultur die moderne Uultur beruht und weil die Uenntnis des Altertums notwendig iſt zum gründ⸗ lichen Verſtändnis der Gegenwart. Es iſt notwendig, um das Jetzt zu verſtehen, zu dem Früheren hinabzuſteigen und aus den Quellen zu ſchöpfen, von denen unſer gegenwärtiges Leben befruchtet wird. Alle geſchichtliche Forſchung beruht auf dem Studium des Altertums. Unſere bildende Wunſt, unſere Poeſie hat ſich an der antiken gebildet und dieſe als nachahmungswürdiges Muſter angeſehen. Unſere ganze moderne Kultur beruht auf dem Wiederaufleben der Wiſſenſchaften im 16. Jahrhundert, d. h. auf dem Wiederaufleben der Altertumsſtudien. Renaiſſance und humanismus waren Worte von zauberhaftem Klang. Schon Luther hat auf das Studium der alten Sprachen gedrungen. Sie ſind nach ſeinem köſtlichen Wort„die Scheiden, darinnen das Meſſer des Geiſtes ſteckt; ſie ſind der Schrein, darinnen man dies Aleinod trägt, ſie ſind das Gefäß, darinnen man dieſen Trank faſſet, ſie ſind die Kemenate, darinnen dieſe Speiſe liegt, ſie ſind die Körbe, darinnen man dieſes Brot behält.“ Unſer Deutſches Volk hat in ihnen die ſtarken Wurzeln ſeiner Kraft. Wenn wir das Griechiſche aufgeben, geben wir einen großen Teil von uns ſelbſt auf.
Seit der Zeit des Humanismus durchdringt bei uns das Griechiſche alle höhere Bildung, und von Luther bis zu Leſſing, Goethe und Schiller ſind alle geiſtigen Erzeugniſſe in Deutſchland mehr oder weniger von griechiſchem Geiſte durchtränkt.
Wie Winckelmann die Schönheit der griechiſchen Plaſtik mit entzücktem Auge betrachtete, wie er den Deutſchen das Griechentum als höchſte Stufe der Schönheit pries, ſo begeiſterte ſich Herder für griechiſche humanität, und Leſſing machte in Deutſchland auf die Schönheit Homers und anderer griechiſcher Dichter aufmerkſam und leitete aus ihnen die Geſetze für die Dichtkunſt ab. Ihren Höhepunkt erreichte dieſe Nachahmung und Bewunderung der Griechen in unſeren Dichterheroen Schiller und Goethe. Micht nur in ſeinen Dramen, ſondern auch in ſeiner Lyrik ſehen wir Schiller ganz im Banne des Altertums. Sich der Maivität und Harmonie der Alten zu nähern, iſt er ſein ganzes Leben beſtrebt geweſen. Er iſt neben Goethe das unzerreißbare Band, das Deutſchland mit dem Altertum verknüpft. Er iſt der goldene Reif, der die deutſche Seele mit der griechiſchen verbindet.
Nicht ſo ideal wie Schiller, aber noch tiefer und richtiger als er, hat Goethe das klaſſiſche Altertum aufgefaßt. Zahllos ſind die Ausſprüche, in denen er das Griechentum preiſt. Er


