Aufsatz 
1) Ansprache bei der Übernahme des Direktorats. 2) Ansprache beim Jubiläumsfeste der Anstalt
Entstehung
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Mit ſolchen Befürchtungen und mit ſolchen hHoffnungen wurde heute vor 25 Jahren unſer Gymnaſium eröffnet. Wie richtig beide Redner die Gefahren erkannt hatten, die dem Gymnaſium drohen, zeigt der Mampf, der immer noch um dieſes geführt wird, zeigen die Schmähungen, die immer mehr gegen dieſes erhoben werden, zeigt die ſteigende Zahl ſeiner Gegner, die es am liebſten beſeitigen oder ihm ſeine SEigenart zu nehmen trachten.

Im Jahre 1000 erfolgte eine durchgreifende Neuerung des früheren Schulweſens, die nach allen Seiten befriedigt zu haben ſchien. Die drei Gattungen der höheren Schulen wurden gleich⸗ geſtellt und einer jeden von ihnen das Recht gewährleiſtet, ihre Beſonderheit zu pflegen. Damit war dem Gymnaſium zwar ſein Monopol entzogen, denn alle drei Arten der höheren Schulen erhielten das Recht, ihre Abiturienten zur Univerſität zu entlaſſen; die Gegner ſchienen aber be⸗ friedigt zu ſein. Wer jetzt das humaniſtiſche Gymnaſium nicht liebte, der konnte ja für ſeinen Sohn einen anderen als den gymnaſialen Bildungsweg wählen. Mun ſchien Friede eingetreten zu ſein, aber er dauerte nicht lange.

Immer wieder von neuem laufen die Gegner Sturm gegen das Gymnaſium, immer wieder von neuem bekämpfen ſie es und verſuchen, es zu beſeitigen. Da iſt es wohl an der Zeit zu fragen, was iſt es denn eigentlich, was unſeren Feinden nicht an den Gymnaſien gefällt, was ſie immer und immer wieder von neuem zu tadeln haben? Man wirft uns immer und immer wieder vor, daß die Gymnaſien für Rom und Griechenland begeiſtern, aber dem Vaterlande ent⸗ fremden, daß wir dem Zeitgeiſt und der Gegenwart mit ihren dringenden Forderungen nicht gerecht werden, daß wir vieles lernen laſſen, was für das Leben keinen Wert habe. Das Griechiſche iſt es, das wiſſen wir lange, das ihnen ein Dorn im Auge iſt. Und ſo iſt denn grade der Kampf um den griechiſchen Unterricht in den letzten 25 Jahren beſonders heftig geführt worden. Man beſtreitet ſeine Notwendigkeit in den Gymnaſien. Das Griechiſche nützt den Schülern fürs Leben nichts, ſo hört man ſelbſt ſolche reden, denen man ein richtigeres Urteil zutrauen ſollte. Unſere Gegner haſſen uns grade um des willen, was wir innig lieben. Das klaſſiſche Altertum iſt es, und beſonders das Griechentum, das ſie am liebſten ganz aus den Gymnaſien verſchwinden ſähen.

Alle dieſe Vorwürfe hier zu wiederlegen, würde zu weit führen. Sie geſtatten, hochverehrte Anweſende, daß ich nur das Wichtigſte zur Rechtfertigung des Betriebs der griechiſchen Sprache, mit dem das Gymnaſium ſteht und fällt, anführe.

Unſere Gegner behaupten, das Griechiſche ſei eine tote Sprache und ſie habe keinen praktiſchen Wert fürs Leben. Es werde zu viel Zeit mit der Grammatik zugebracht und zu wenig Wert auf den Inhalt gelegt, den man auch aus UÜberſetzungen kennen lernen könne. Die Grammatik gebe nur eine formale einſeitige Verſtandesbildung. Wie töricht ſind doch alle dieſe Vorwürfe! Sie können nur von ſolchen erhoben werden, die nicht wiſſen, daß das Ver⸗ ſtändnis des Inhaltes nur durch Eingehen auf die Grammatik erſchloſſen werden kann. Sie wiſſen nicht, daß das Betreiben der Grammatik ein vorzügliches, ja das vorzüglichſte Mittel iſt, um den Verſtand zu bilden und ihn zu ſcharfem und klarem Denken fähig zu machen.

Gerade die lateiniſche und die griechiſche Sprache ſind zum Betreiben der Grammatik am geeignetſten. Denn daß ſie tote Sprachen ſind, das gereicht ihnen nicht zum Vorwurfe, ſondern zum Vorteil. Auch der junge Mediziner wird auf der Univerſität nicht gleich zu dem lebenden Menſchen geführt, ſondern zu der Leiche, zum toten Menſchen; ihn ſeziert er, betrachtet ſeine Organe und lernt die Funktion dieſer Organe kennen. Ahnlich iſt es bei der Grammatik. In den toten Sprachen, die abgeſchloſſen vor uns liegen, können wir beſſer als bei den lebendigen, die in