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anſtalten, ihre gymnaſiale Beſonderheit auszugeſtalten und die edlen Gaben, die dem Gymnaſium eigen ſind, zu läutern und zu ſteigern. Es ſei die Aufgabe der Lehrer und der Schüler, allezeit dahin zu ſtreben, daß dieſes Ziel erreicht werde. Er ſprach zuletzt das feſte Vertrauen aus, daß der erprobte Leiter der Anſtalt, den heute hier in unſerer Mitte zu ſehen wir die Ehre haben, und die als Helfer ſeiner Arbeit berufenen Lehrer alle ihre Kraft einſetzen werden zu einer gedeih⸗ lichen Entwicklung unſerer Schule.—
Es iſt ſehr bezeichnend, daß in der gedankenreichen Rede, die der erſte, hochverdiente Direktor unſerer Anſtalt gleich darauf hielt, auch der leidenſchaftlichen Angriffe gedacht wird, die die humaniſtiſche Bildung in neuerer Zeit erfahren hat. Nachdem er in Worten, die den Schul⸗ mann von großer Erfahrung erkennen laſſen, ruhig und ſachlich auseinandergeſetzt hatte, daß die Gymnaſialbildung I. eine religiös-ſittliche, 2. eine propädeutiſch⸗wiſſenſchaftliche und 3. eine deutſch⸗ nationale ſein ſoll, und nachdem er als Aufgabe des Gymnaſiums hingeſtellt hat, nicht direkt für das Leben vorzubereiten, ſondern eine allgemeine Bildung zu geben, nennt er als hauptauf⸗ gabe des Gymnaſiums die Beſchäftigung mit der altklaſſiſchen Literatur. Er nennt es das gute hiſtoriſche Recht des Gymnaſiums ſeit den Tagen der Reformation und des humanismus, dieſen Unterricht zu pflegen, und erklärt es für eine Verirrung unſerer Tage, daß ſich eine ſolche Feind⸗ ſchaft gegen die humaniſtiſche Bildung in weiten Kreiſen des Volkes breit gemacht hat. Er erklärt dieſe Tatſache aus dem Zuge der Seit, der alles nur nach der Verwendbarkeit für die Praxis des Lebens mißt, und aus der immer mehr überhand nehmenden Teilung der Arbeit, die ſich in Einzelforſchungen zerſplittert und ſich den Vorzügen univerſeller Bildung verſchließt. Dabei gibt er offen zu, daß für manche praktiſche Berufsarten der Gymnaſialunterricht nicht die rechte Vorſtufe bietet, auch weiſt er es ab, das Verdienſt derjenigen Schulen irgendwie ſchmälern zu wollen, die eine mehr techniſche Vorbereitung ihrer Zöglinge mit einer allgemeinen Ausbildung derſelben zu vereinen trachten. Ebenſo will er den anerkannten Leiſtungen der realiſtiſch gerichteten Anſtalten in keiner Weiſe zu nahe treten. Ferner räumt er ein, daß die Gymnaſien in der Feſt⸗ ſtellung ihres Lehrplans dem Heitbedürfnis Rechnung zu tragen haben und die abgeſtorbenen Teile durch neue erſetzen müſſen. Daß dies geſchehe, dafür zeugen die Reformen der letzten Jahrzehnte, insbeſondere die im Jahre 1882 eingeführte erhebliche Erweiterung des Unterrichts im Franzöſiſchen, in der Mathematik und Naturwiſſenſchaft auf Koſten des Betriebs der alten Sprachen. Weiter dürfe jetzt aber die Verkürzung des altſprachlichen Unterrichts nicht geführt werden, ſonſt ließen ſich reife Früchte auf dieſem Felde nicht mehr zeitigen, und es wäre dann beſſer, es ganz brach liegen zu laſſen. Im folgenden wird dann in trefflicher Weiſe der Wert der alten Sprachen als grammatiſche Schulung auseinandergeſetzt und darauf hingewieſen, wie unſere ganze moderne Bildung ihre Wurzeln in dem alten Kulturboden habe und daß ein Verlaſſen dieſes Weges zu einem Riß in unſerer Kulturentwicklung führen müßte. Ferner hob der damalige Direktor durch⸗ aus richtig hervor, daß gegen die realiſtiſche Richtung unſerer Zeit und den flachen Mützlichkeits⸗ ſtandpunkt das Studium der alten Sprachen und ihrer Literatur ein ausgezeichnetes Gegengewicht bilde. Denn kein Volk beſitze eine Literatur, die einen ſo reichen idealen Gehalt in ſich ſchließe, wie die der Griechen. Wenn man die Jugend zu dieſen Quellen führe, dann lehre man ſie ſchöpfen aus dem Jungbrunnen menſchlichen Daſeins.
So ſpricht er zum Schluß ſeiner tiefdurchdachten Rede die Hoffnung aus, daß der Tag noch lange fern ſein möge, den die Feinde des Gymnaſiums ſchon herannahen ſehen, wo die Hochburg deutſcher Bildung, das Gymnaſium, dahinſinkt.


