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Man könnte dies Wort als Motto vor eine Grundlegung des Idealismus, aber auch vor eine Pädagogik ſetzen. Wir machen es uns am beſten am Gegenſatz klar. Welche Seele vergißt ihrer Flügeld Sie, die am Boden kriecht, die nur das Nächſte im Auge hat, nur nach Rutzen, Gewinn, ſinnlichem Genuß trachtet, die— derb ausgedrückt— Staub frißt, die nur in der Wirk⸗ lichkeit und deren niederziehender Sorge am Alltäglichen haftet, am Buchſtaben klebt, die gedrückt und verzagt und verbittert iſt.— Du Menſchenkind, geh hinaus im Frühling in die Gottesnatur, da weht es noch friſch und herb, ein kräftiger Atem zieht durch die Welt, der ahnungsreiche Geiſt des neuen Werdens. Und da ſchwingt ſich aus dem grünen Saatfelde die Lerche empor!
Vergiß, o Menſchenſeele, nicht, daß du Flügel haſt, daß über dir blaut der himmel, über dir leuchtet die Sonne, und laß dir das zum Sinnbilde werden: Schüttle ab, was dich quälte und herunterzog, hoffe, vertraue, klettere an dem Jubel des eigenen Herzens empor zum himmelsblau kühner Gedanken, fröhlicher Hoffnungen, ſtarken Glaubens und unüberwindlicher Liebe! Oder im Herbſt, wenn die Felder kahl ſind, der Wald verſtummt iſt, der Vergänglichkeitshauch durch welke, dürre Blätter zittert, da hörſt du in der Luft ein Getön, ein Wandervogel zieht dem warmen Süden zu, er mahnt: Vergiß, o Menſchenſeele, nicht, daß auch du Flügel haſt! Auch dir ſtehen Fernen offen und winken ſonnige Geſtade.
Welche Flügel hat die Menſchenſeele? Es ſind geiſtige Uräfte, Gedanken, die auf ein Ziel gerichtet ſind, und die Begeiſterung für alles Gute iſt ihre Schwungkraft. Auch Ihr, liebe Schüler, ob groß oder klein, müßt Euch aufwärts tragen laſſen von Flügeln. Ihr ſaßet wohl ſchon über einer Rechenaufgabe, und ſie wollte und wollte nicht aufgehen, da plötzlich kam die Erleuchtung, der Flügelſchlag der Seele regte ſich, er trug Euch über die Schwierigkeiten hinweg. Und ſo muß von Klaſſenſtufe zu Klaſſenſtufe hinter dem Unaben und Jüngling die Mahnung ſtehen: Vergiß nicht, daß du Flügel haſt, Flügel des Geiſtes, als da ſind: Guter Wille, eifriges Streben, Liebe zur Arbeit, Pflichttreue, ſittlicher Ernſt in allem Guten und Fröhlichkeit des herzens. Gewiß iſt der Weg oft ſteil und ſteinig, der zur Erkenntnis und zum Siele führt. Das Verſtändnis eines Schriftſtellers, die Löſung einer mathematiſchen Aufgabe, eines naturwiſſenſchaftlichen Problems erſchließt ſich nicht ſo leicht: rege die Schwingen der Seele, raffe in Geduld und Ausdauer alle Uraft zuſammen, glaube und vertraue und reiße dich empor in friſchem Schwunge, der Lerche gleich, die zum lichten Äther ſtrebt! Und haſt du gefehlt, dich vergangen gegen die Pflicht der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit und Reinheit, ſo raffe dich auf, aus drückendem Schuldgefühl zum Glauben an vergebende Liebe. Nichts iſt ſchlimmer für die junge Seele als Verzweifeln, Verzagen, Verknöchern und Stumpfwerden.
Am Anfang des vorigen Jahrhunderts gelangten die Beſten unſeres Volkes zur Erkenntnis, daß über die einſeitige Verſtandesbildung bei der Jugend die Ertüchtigung jener Seelenkräfte ver⸗ nachläſſigt ſei, die erſt Flügel leihen, daß neben dem Intellekt Gemüt und Phantaſie, Wille und Charakter zu kurz gekommen und die Spannkraft des Körpers vernachläſſigt ſei, die von ſo ent⸗ ſcheidender Bedeutung auch für die Seele iſt. Und immer wieder ward auch in unſerer Seit vor überſchätzung unlebendigen Wiſſens, vor Einſeitigkeit, vor Erſtarrung gewarnt. Helles Auge für die Wirklichkeit, klares Denken, ein warmes herz, eine lebhafte Phantaſie, reines, edles Wollen; das ſind Flügel der Seele.
Und je gehaltvoller die Stoffe werden, die der junge Menſchengeiſt auf einer höheren Schule bewältigen muß, deſto mehr muß der Unterricht von philoſophiſchen Gedanken getragen ſein. Ideenwelten müſſen ſich erſchließen. Die treibenden Uräfte, die Imponderabilien Bismarcks,


