Aufsatz 
1) Ansprache bei der Übernahme des Direktorats. 2) Ansprache beim Jubiläumsfeste der Anstalt
Entstehung
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bedeuten. Eine höhere Schule muß je nach ihrer Eigenart, ob Gymnaſium oder Real⸗ oder Re⸗ formgymnaſium oder Oberrealſchule, feſt verankert ſein, damit die Zeitſtrömungen mit ihren hoch⸗ gehenden Wellen ſie nicht umwerfen und zerſtören. Aber wohl gilt es, den Geiſt des Griechen⸗ tums das Römertum iſt ja eigentlich nur eine Provinz des griechiſchen Weltreiches, wie Wilamowitz ſagt dem deutſch⸗chriſtlichen, dem modernen Geiſte überhaupt anzupaſſen.

Wer ſeine Unterrichts⸗ und Erziehungsaufgabe recht auffaßt, der zieht unabläſſig Ver⸗ bindungslinien zwiſchen der Vergangenheit und der Gegenwart, dem iſt weder das Griechentum noch Goethe oder Schiller oder Uleiſt oder hHebbel das Ideal, ſondern nur eines von vielen mög⸗ lichen. Aber er weiß auch, daß immer in der Kulturentwicklung ein Volk auf den Schultern des andern geſtanden, daß ein Geiſt immer an dem Geiſte eines anderen ſich genährt hat, bis ſie zur Selbſtändigkeit und Reife der Eigenart gelangten. Es iſt nur ein trügeriſcher Wahn, man könne alle Brücken der Vergangenheit hinter ſich abbrechen und ſelbſtbewußt ſich nur auf ſich ſelbſt ſtellen. Das iſt weder in Religion und Philoſophie noch in Kunſt und Wiſſenſchaft noch auch im ſozialen Leben möglich. Jeder Neuerwerb in Technik und Induſtrie, wie auf geiſtigem Gebiete blendet und berauſcht zunächſt, hernach erkennt man, daß auch das Reue organiſch mit dem Alten ver⸗ wachſen iſt, ja daß es ganz Neues überhaupt nicht gibt. Wie man fremde Aulturwerte ſich zu eigen mache, ſie umſchmelze zu etwas perſönlich Sigenartigem und Eigenwertigem, das hat nie⸗ mand beſſer gezeigt als Goethe. Und ſo lange Wiſſeenſchaftlichkeit bedeutet, zu den Duellen zu führen, ſo lange muß das humaniſtiſche Gymnaſium die Dichtung ſeiner deutſchen Klaſſiker, wie überhaupt die moderne Kultur, in Glauben und Wiſſen auf die Griechen zurückführen. Griechen⸗ tum und Germanentum und Chriſtentum ſind unlöslich miteinander verwachſen.

Der große Philoſoph Hegel, deſſen Gedanken um die Mitte des vorigen Jahrhunderts unumſchränkt herrſchten, fand die Forniel für das Entwicklungsgeſetz im Leben der Völker wie des Geiſtes überhaupt in Satz und Gegenſatz, die zu einer höheren Einheit ſich zuſammenfaſſen. Unſer ganzes geiſtiges Leben, ja die Kunſt zu leben und ſomit auch unſere Unterrichts⸗ und Erziehungskunſt beſteht darin, Gegenſätze zu verſöhnen, die Mittellinie zu finden, wie auch Ariſtoteles, der große Lehrmeiſter hegels, forderte.

Wir leſen in der heiligen Schrift die Mahnung Jeſu an ſeine Jünger: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falſch wie die Tauben! Ein neuerer Dichter der unvergeßliche Wilhelm Raabe forderte: Sieh auf die Gaſſe! Blick auf zu den Sternen!

Den Blick für das Maheliegende und Tatſächliche ſollen wir verbinden mit dem Aufblick zu den Idealen, in Gottesfurcht und Vaterlandsliebe, in Begeiſterung für alles Gute und Wahre und Schöne.

Wir ſtehen heute an der Pforte eines neuen Vierteljahrhunderts unſerer Schule. Was ſoll ich für deren Jugend als Leitſtern darüber ſchreiben? Es ſei das Wort eines Dichters, der wie kein zweiter dem deutſchen Kaiſer und dem deutſchen Reiche noch lange vor der Erfüllung der Zeiten als herold vorausging und dann den Siegern der großen Schlachten von 1870 zu⸗ gejubelt hat. Das Wort eines Dichters, deſſen Geſtalt mir unvergeſſen bleiben wird, wie ich ihn in Kiel wandeln ſah neben ſeinem nordiſchen Landsmann Klaus Groth, der in ſeiner plattdeutſchen Mundart auch unſern Kronprinzen, den Sieger von Wörth, verherrlichte. Es iſt ein Wort ESmanuel Geibels:

Vergiß, o Menſchenſeele, Micht, daß du Flügel haſt!