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dürfen wir nicht klagen, nicht murren, wohl aber dürfen wir trauern, und haben wir ihn geliebt, dürfen wir ihn nimmer vergeſſen, ſondern müſſen ihn tragen in dankbarer Erinnerung.
Anders als Kaiſer Wilhelm I. ſtarb Friedrich III. Auf der hHöhe des Lebens ſtehend, kurz bevor er zum Gipfel der kaiſerlichen Macht gelangt war. Wer die große Seit um 1870. herum, wenn auch nur als Knabe, erlebte, wer mit Bewußtſein den unvergleichlichen Ereigniſſen jener Jahre gefolgt iſt, dem bleibt die Geſtalt des damaligen Kronprinzen unvergeßlich. In meiner Rügenſchen heimat hatte ich frühe Gelegenheit, das hohe kronprinzliche Paar, das in dem gaſtlichen Schloſſe des Fürſten zu Putbus oft und gerne weilte, zu ſehen und ihm zuzujubeln im Kreiſe der Mitſchüler des Agl. Pädagogiums.
Als Kronprinz des Deutſchen Reiches ſteht Friedrich III. vor uns in der Erinnerung wie ein Siegfried unſerer nationalen Sage. Und wer damals ihn geſehen, die hohe Geſtalt mit dem bartumwallten Antlitz, in blitzendem Stahlhelm, der hatte den Eindruck männlicher Kraft und männlicher Schönheit. Aber der Menſch iſt in ſeinem Leben wie Gras, das da frühe blühet und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und verdorret. Wenn homer den Tod eines Helden auf dem Schlachtfelde uns berichtet, dann hat auch er wohl jenes Gleichnis aus dem Pflanzenleben und ſagt: Er ſank dahin wie der Zweig eines Ghlbaums, den der Sturm erfaßte. Kaiſer Friedrich war ein Held der Schlacht, Weißenburg und Wörth ſind unauflöslich mit ſeinem Namen verknüpft, aber nicht auf dem Felde der Ehre blieb er, gefällt vom feindlichen Speer oder getroffen von der feindlichen Kugel, ſondern er erlag tückiſcher Urankheit. Wie wohl ein Eich⸗ baum langſam vom Wurm zernagt wird, ſo fiel Kaiſer Friedrich der ſchleichenden Krankheit zum Opfer. Er lernte zu leiden, ohne zu klagen; er ward zum Schweigen verurteilt, als ihn das Schickſal zum Befehlen, zum Herrſchen berief.
In alledem liegt eine Tragik des Lebens, wie wir ſie ſelten finden. Inmitten der Seit der Roſen, inmitten des voll und üppig ſich erſchließenden Naturlebens ward Kaiſer Friedrich in die Gruft ſeiner Väter geſenkt. Aber er ſoll uns nicht ein Gegenſtand der Ulage über die Ver⸗ gänglichkeit auch des Schönſten und Mächtigſten auf dieſer Erde ſein, ſondern ein leuchtendes Bei⸗ ſpiel männlicher Uraft, männlicher Seelengröße, die ſich nicht beugen läßt durch Urankheit und Leid, die auch dem Code mit mutigem Auge ins Angeſicht ſchaut. Er ſoll auch der Jugend unſerer Anſtalt, die ſeinen Namen trägt, als Vorbild dienen allezeit.
Zwei ſind der Pfade, auf welchen der Menſch zur Tugend emporſtrebt; Schließt ſich der eine dir zu, tut ſich der andere dir auf.
Handelnd erringt der Glückliche ſie, der Leidende duldend. Wohl dem, den ſein Geſchick liebend auf beiden geführt!
Maiſer Friedrich war ein Freund des humaniſtiſchen Gymnaſiums; für ſeinen älteſten Sohn wählte er dieſe Schulgattung mit Bedacht aus. Und unvergänglich in der Tat ſind die Lebenswerte, die in der Antike umſchloſſen ſind. Freudig begrüßen wir es, daß gerade in unſeren Tagen im In⸗ und Auslande wieder die hohe Uulturbedeutung des Griechentums als einer Macht, die nament⸗ lich von unſerem deutſchen Geiſtesleben nicht zu trennen iſt, weit mehr anerkannt wird als in Jahren zuvor. Wir leben in einer Seit, die eins beſonders abwehrt und haßt, nämlich alles Erſtarren in unverrückbaren Formen und Formeln, und eins auf die Fahne ſchreibt: freie Be⸗ wegung ohne Willkür und Zügelloſigkeit. Nicht der wechſelnden Mode des Heitgeſchmacks dürfen unſere höheren Schulen folgen, ſondern ſie müſſen einen feſten Pol in der Erſcheinungen Flucht


