Aufsatz 
1) Ansprache bei der Übernahme des Direktorats. 2) Ansprache beim Jubiläumsfeste der Anstalt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Strichen. Als Schüler ſaß ich zu den Füßen meines Vaters, des Ariſtotelikers Franz Bieſe, der noch Alexander v. humboldt zu ſeinen Freunden zählen durfte, aber auch des tüchtigen Cicero⸗ kenners Guſtav Sorof, als Student zu den Füßen von Jakob Bernays, Bücheler und Uſener, hiller und Uießling und Wilamowitz⸗Möllendorff.

So wurde ich frühe ein begeiſterter Anhänger des klaſſiſchen Altertums. In die Germaniſtik führte mich vor allem Wilhelm Wilmanns, in die Philoſophie Wilhelm Schuppe ein, und die Hoeſie, die antike ebenſo wie die älteſte und neueſte deutſche, war zeitlebens meine Begleiterin; Pädagogik und Poeſie waren mir nicht nur äußerlich durch den Stabreim, ſondern innerlich aufs engſte verſchwiſtert, und die Freundſchaft vieler Dichter ſtärkte und belebte das Gefühl für die beſeligende und befreiende Macht der Poeſie. Was an Werken ich im Laufe der Jahrzehnte ſchuf, ruht auf dieſer Grundlage. Somit wurden Altertum, Germanentum und Chriſtentum auch für mich die Säulen einer ideellen Welt, über die ſich als Dach die philoſophiſche Erfaſſung jener Kulturelemente breitet, die in ihnen mächtig ſind. Denn wer die Antike recht erfaßt, wem ſie (wie das Schlagwort der Heit ſagt) zum Erlebnis geworden, der ſieht in ihr nichts Fremdes und Fernes, ſondern unmittelbare Gegenwart ewiger Ideen und Probleme und geiſtiger Kräfte.

Wie in allen Unterrichtsgegenſtänden müſſen wir auch hinſichtlich des Altertums uns fragen: Was iſt noch lebensvoll und fruchtbringend für die Gegenwart? Aber nicht minder wichtig iſt die Entſcheidung der Frage(nicht theoretiſch, ſondern durch die Tat): Was iſt von dem, was unſere nervös aufgeregte Gegenwart durchflutet, den ewigen, geiſtig⸗ſittlichen Lebens⸗ werten beizufügend Das Alte iſt noch durchaus nicht veraltet oder rückſtändig bloß, weil es alt iſt, und das Meue iſt durchaus nicht das allein Wertvolle, weil es neu iſt.

Seit Jahrzehnten vertrete ich den Standpunkt: Womit die einzelne Schulform, womit der einzelne Lehrer auf die Jugend wirkt, iſt nicht ſo wichtig, als daß die Schule, der Lehrer überhaupt nur wirkt, d. h. nicht nur Wiſſen und Können übermittelt, ſondern die inneren Kräfte zur Selbſt⸗ tätigkeit führt und Begeiſterung weckt. Der eine macht hHomer und Plato, der andere Horaz und Cacitus, ein dritter Corneille und Taine, der eine unſere deutſchen Klaſſiker, der andere vulkaniſche Naturen wie Kleiſt und hebbel den Schülern lebendig. Die Hauptſache bleibt: Geiſt ſoll ſich an Geiſt entzünden. Wir Lehrer ſollen die Wichtigkeit des Tatſächlichen ebenſowenig unterſchätzen wie die der grammatiſchen Formen in der hiſtoriſchen Bildung der Sprachen oder die Folge⸗ richtigkeit mathematiſcher Beweiſe und Formeln, wir dürfen aber nimmer auch die in der Geſchichte des Geiſteslebens wirkenden Ideen, die Imponderabilien, überſehen.

Wir ſollen bei der Erziehung die Strenge nicht zur härte, die Milde nicht zur Schwäche werden laſſen, wir ſollen ſchonen und doch die Zielforderungen des Unterrichts erreichen. Sin rechter Junge will feſtgefaßt und nicht verzärtelt, er will gelenkt und geleitet, aber nicht abgerichtet, nicht zur Maſchine erniedrigt werden. Pflicht iſt es, Rückſicht zu nehmen auf das Mittelgut an Begabung, aber zugleich auch, den größeren Talenten doppeltes Futter zu bieten. So gibt es der Antinomien, die der Löſung harren, die Fülle für denjenigen, der Unterricht und Erziehung in ihren weſenhaften Kern zu verſchmelzen und den Forderungen der Gegenwart anzupaſſen ſucht.

Als ich vor etwa vierzehn Tagen meine Neuwieder Gymnaſialjugend unter Fackelglanz am Rheinſtrom vor mir verſammelt ſah und wir Abſchiedsworte tauſchten, da rief ich ihnen als letzte Mahnung zu:

Seid allezeit fröhlichen Geiſtes und getreu in allem Guten!