Anſprache bei der Übernahme des Direktorats.
Sehr geehrte herren Kollegen! TLiebe Schüler!
Wenn ich durch das Vertrauen der Behörden hierher berufen, heute zum erſten Male an dieſer Stelle als Leiter der Anſtalt das Wort ergreife, ſo bin ich mir der Bedeutung der Stunde mit allen ihren Forderungen und hoffnungen, die ſich an ſie knüpfen, voll bewußt.
Als Ende Januar aus dem Miniſterium die Anfrage an mich herantrat, ob ich gewillt ſei, die Leitung des Kaiſer⸗Friedrichs⸗Bymnaſiums zu übernehmen, da konnte ich nimmer lange zaudern, ſo lieb durch lange Jahre mir auch die Tätigkeit in Neuwied geworden war und ich wohl vielen mit Neuwied untrennbar verwachſen ſchien. Die altberühmte freie Reichsſtadt Frankfurt, Frankfurt die Goethe⸗Stadt, hat frühe auf mich ihren Zauber und ihre Anziehungskraft ausgeübt. Als Bonner Student weilte ich zuerſt an den Stätten, die der Genius geweiht hat; den jungen Uieler Gymnaſiallehrer berief Veit Valentin, der Vorſitzende des Freien Deutſchen Hochſtifts, 1892, auf daß ich Goethe an ſeinem Geburtstage in ſeiner Heimat verherrliche. Im Winter 1904 durfte ich Schiller in einem Zyklus von Vorträgen feiern, und 1908, am 100. Todestage der ewig jungen, unſterblichen Frau Rat, ſchilderte ich die Weſensgemeinſchaft von Mutter und Sohn.
So iſt Frankfurt mir und bin ich vielen Frankfurtern nicht mehr fremd, und in manche Hände, die ſich mir ſchon mit freundſchaftlichem Willkommgruße entgegenſtreckten, lege ich ver⸗ trauensvoll die meine.—
Das Amt eines Direktors— ich habe es ſeit 14 Jahren inne und ſpreche alſo aus Er⸗ fahrung und Überzeugung— iſt unzweifelhaft eines der verantwortungsvollſten und zugleich dornenreichſten, denn es gilt im Dienſt und in der Erziehung vielfach die Kunſt, das Unmögliche möglich zu machen, d. h. ſich kreuzenden und widerſprechenden Forderungen und Wünſchen zu gleicher Zeit oder in gleichem Maße gerecht zu werden, das Intereſſe des einzelnen mit dem der Geſamtheit in Einklang zu bringen.
Sin Direktor, der ſein Amt ernſt nimmt, betrachtet die Jugendſeelen wie ein Ackerland, das bepflügt, beſät, mit Sonnenſchein und Regen bedacht werden muß; er möchte jeder jungen Seele hilfe am Werden und Wachſen leihen, zumal in einer Zeit, die, wie die unſrige, Gefahren und Nöte aufweiſt, von denen frühere keine Ahnung hatten.
Daß ein Direktor ſeiner Anſtalt das Gepräge ſeines eigenen Geiſtes aufdrücke in dem Maße, wie in älteren Zeiten, iſt heute kaum noch möglich; zu vieles an innerer und äußerer Organiſation liegt unerſchütterlich feſt. Ob aber ein großzügiger oder ein engherziger, ob ein humaner oder ein tyranniſcher Mann an der Spitze ſteht, ob an der Schule mit Freudigkeit oder mit Verzagtheit gearbeitet wird, ob der Direktor ein Herz für die Jugend, eine perſönliche, kamerad⸗ ſchaftliche Anteilnahme an den Mühen und Sorgen ſeiner Mitarbeiter hat: das dürfte doch wohl im Kleinen und im Großen zu ſpüren ſein.
In einer Stunde, wie der gegenwärtigen, iſt es wohl nicht nur mein Recht, ſondern auch meine Pflicht, gewiſſermaßen ein pädagogiſches Bekenntnis abzulegen, wenn auch nur in knappeſten


