Aufsatz 
Der Rochusberg bei Bingen in seiner Bedeutung für den naturgeschichtlichen Unterricht
Entstehung
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wir dem Mehlbeerbaum(Sorbus aria) mit ſeinen auf der Unterſeite weißfilzigen Blättern und, be⸗ ſonders in der Nähe der Kapelle und auch am Scharlachrondell, dem Vogelbeerbaum oder der Ebereſche (Sorbus aucuparia). Die leuchtend roten Beeren beider Arten liefern unſern Pfriemenſchnäblern (Amſeln, Droſſeln u. ſ. w.) ein gutes Futter, und die unverdaulichen Samen werden durch die Vögel weithin verbreitet. An den Ebereſchen des Scharlachrondells und des Dollhäuschens, die ſtark nach Südoſten gebogen ſind, erkennen wir deutlich den Einfluß des vorherrſchenden Binger Windes, des aus dem Binger Loch kommenden Nordweſtwindes, unſeres häßlichen Monſuns, wie ihn Paul Reis genannt hat.

Den windblütigen Eichen, Buchen, Birken und Kiefern reiht ſich die auf dem Scharlachkopfe wachſende, zweihäuſige(in männlichen und weiblichen Exemplaren vorkommende) Zitterpappel(Populus tremula) an, die ihren Namen von den langſtieligen, ewig zitternden Blättern erhalten hat. Sie bietet uns mit ihren hängenden Kätzchen, aus denen der Wind leicht den Blütenſtaub herausſchüt⸗ teln kann, ein gutes Beiſpiel für die durch den Wind bewirkte Fremdbeſtäubung.

Dagegen ſagen uns die aufrechten, weithin leuchtenden Kätzchen der ebenfalls auf dem Schar⸗ lachkopfe wachſenden Sahl⸗ oder Palmweide(Salix caprea) deutlich, daß hier die Beſtäubung durch Inſekten vermittelt wird, ein Schluß, der durch die Honigdrüſen der Kätzchen, ſowie durch den zahl⸗ reichen Beſuch der emſig ſammelnden Bienen beſtätigt wird. In ganz ähnlicher Weiſe verraten uns die zahmen Kaſtanienbäume(Castanea vulgaris) in der vom Rochushotel zur Kapelle hinziehenden Allee durch ihre langen, aufrechten, von weitem die Aufmerkſamkeit erregenden kerzenförmigen Blütenſtände ihre Inſektenblütigkeit, während uns die Nußbäume(Juglans regia) in der Nähe des Hotels und vor der Kapelle durch ihre hängenden, männlichen Kätzchen und ihre mächtig entwickelten, zum Auffangen des Blütenſtaubs vorzüglich geeigneten Narben ihre Windblütigkeit offenbaren. Inſektenblütig ſind dagegen wieder die, übrigens mit den zahmen Kaſtanien durchaus nicht verwandten Roßkaſtanienbäume(Aesculus hippo- castanum) der Allee, deren nächſte Verwandte vielmehr die verſchiedenen Ahornarten ſind. Mehr⸗ fach ſieht man in der Allee die Stämme der Roßkaſtanien angebohrt von der Raupe des Roßkaſta⸗ nien⸗Bohrers oder Blauſiebs(Zeuzera aesculi), eines zur Familie der Spinner und Unterfamilie der Holzbohrer gehörigen Schmetterlings. Von Ahornarten finden wir auf dem Rochusberg den häufig buſchartigen Maßholder oder Feldahorn(Acer campestre) und ferner den ſelteneren dreilappigen Ahorn oder Ahorn von Montpellier(Acer monspessulanum). Die Ahornbäume bieten uns mit ihren Flügelfrüchten ein Beiſpiel für die Verbreitung vieler Früchte durch den Wind.

Aehnliche Flügelfrüchte wie der Ahorn beſitzt auch die Eſche(Fraxinus excelsior), der Baum, der in der germaniſchen Mythologie eine ſo große Rolle ſpielt, und der als Spielart mit hängenden Zweigen(Trauereſche) vielfach auf dem Binger Friedhof angepflanzt iſt. Von Laubbäumen finden wir endlich auf dem Rochusberge noch die Waldkirſche, auch Vogel⸗ oder Süßkirſche genannt(Prunus avium) und die Weichſelkirſche(Prunus mahaleb) mit rundlichen Blättern und ſchwarzen Steinfrüchten, auf dem Kempter Eck den Holzapfel und die Holzbirne(Pirus malus und vulgaris), die Stammfor⸗ men unſerer cultivierten Apfel⸗ und Birnbäume, ferner auf dem Scharlachkopfe die Robinie oder falſche Akazie(Robinia pseudacacia), einen zu den Schmetterlingsblütlern gehörigen Baum, und am Fuße des Kempter Ecks, an der Kempter Chauſſee, die Linde(Sommerlinde oder großblättrige Linde (Tilia grandifolia) mit unterſeits überall behaarten Blättern und Winterlinde oder kleinblättrige Linde (Tilia parvifolia) mit unterſeits nur in den Nervenwinkeln gelblich⸗büſchelig behaarten Blättern), an der ſich gewöhnlich zahlreiche Feuerwanzen herumtreiben. Die Familie der Koniferen oder Nadelhölzer, aus der wir ſchon die gemeine Kiefer(Pinus silvestris) erwähnten, iſt ſonſt noch auf dem Berge vertreten durch die aus Nordamerika ſtammende Weymuthskiefer(Pinus strobus), die ſich am Fahr⸗ weg nach dem Rochushotel und am Weg von der Taubenhütte nach der Allee findet, und deren feine lange Nadeln immer in der Fünfzahl zuſammenſtehen, ferner durch die Lärche(Larix europaea), die als einziger unter unſern Nadelbäumen im Winter ihre Nadeln abwirft, endlich durch die Fichte oder Rottanne(Abies excelsa), unſern allbekannten Weihnachtsbaum, der am Fahrweg nach dem Hotel auf der Südſeite ein kleines Wäldchen(mit einem Muttergotteskapellchen, dem ſogenanntenHiſ⸗ ſelnbildchen) bildet.

Auch an Sträuchern iſt der Rochusberg nicht arm. An den lichteren Stellen des Waldes und an den Wegrändern ſtehen, untermiſcht mit Eichen⸗ und Hainbuchenſchößlingen, zahlreiche Liguſter⸗