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am meiſten das Intereſſe unſerer Jugend zu erregen pflegen. In den Lüften über uns ziehen, aus dem Binger Walde herüberfliegend, der räuberiſche Hühnerhabicht, vom Volke Stößer genannt, der mutige Sperber, der nützliche Mäuſebuſſard ihre Kreiſe, und am hellen Tage hören wir des Steinkäuz⸗ chens melancholiſchen, den abergläubiſchen Leuten ſo unheimlichen Ruf. Das Hämmern des Spechtes läßt ſich auf dem Berge ſelten vernehmen, dafür läßt der unruhige Eichelhäher, der Papagei unſerer heimiſchen Vogelwelt, zu jeder Jahreszeit ſein lautes„Rätſch“ oder„Häh“ erſchallen. Im Frühling belebt des Kuckucks munterer Ruf den friſchgrünen Wald, des Wendehalſes lautes Geſchrei ertönt und von den Ackern und Weinbergen herüber erklingt der Wachtel fröhlicher Schlag und das Girrhäk der Rebhühner. Aus den Lüften herab ſchallt das heiſere Gekrächz der Krähen. Sie ziehen jeden Morgen hinaus in die Pfalz oder hinüber auf den Hunsrück, um abends zur beſtimmten Stunde wieder heim⸗ zukehren zu ihren Schlafplätzen, den hohen Bäumen auf den Rheinauen.
In all' dies Geſchrei hinein laſſen nun aber auch unſere Singvögel ihre melodiſchen Wei⸗ ſen ertönen. Da iſt vor allem die Königin unſerer befiederten Sänger, die Nachtigall, die durch ihr ſeelenvolles Lied uns rührt und erfreut. Aber auch dem flötenden Geſang der Schwarzamſel, dem ſchmetternden Schlag des Buchfinken, dem melancholiſchen Geſang des Hänflings(grauen Stockfinken) und dem fröhlichen Gezwitſcher der Diſtelfinken leihen wir gerne unſer Ohr, oder wir lauſchen dem glas⸗ hellen Stimmchen des Schwarzköpfchens und dem durch mancherlei kreiſchende Töne unterbrochenen, ſonſt aber herrlichen Geſange des Spötters(oder der Baſtardnachtigall). Vom nahen Baume herab läßt der Baumläufer ſein eintöniges Zi⸗zi⸗zi ertönen, das tiefe Girren der Turteltauben dringt an unſer Ohr, und wir vernehmen das„Qui vivra, verra“ des Pirols oder der Goldamſel, ohne jedoch den ſcheuen Vogel für gewöhnlich zu Geſicht zu bekommen.
Im Steinbruch am Kempter Eck hauſt in den Büſchen der Würger. Am Ufer des Rheines, wo ſich am Fuße des Kempter Ecks die Gaulsheimer Wieſen hinziehen, da köͤnnen wir den Fiſch⸗ reiher bei ſeiner Jagd beobachten, und auf den Wieſen niſtet der Kiebitz und findet ſich zur Zugzeit die Sumpfſchnepfe oder Bekaſſine. An den Ufern der Nahe fiſcht der Eisvogel oder St. Martins⸗ vogel, und auf Rhein und Nahe finden ſich das ſchwarze Waſſerhuhn oder Bläßhuhn und der kleine Steißfuß, von unſerer Jugend„Duckertchen“, d. h. Taucherchen, genannt.
Auch das grünfüßige Rohrhuhn und der Wachtelkönig oder die Wieſenknarre ſind in der Nähe des Rochusberges anzutreffen. Im Winter aber fliegt auf dem Rheine und der Nahe die Lach⸗ möve und geſellen ſich zu den Meiſen, den Goldammern, den Buchfinken und Haubenlerchen bei an⸗ dauerndem Froſte und reichem Schneefall auch Gäſte aus dem Walde, wie Dompfaffen und Kirſchkern⸗ beißer, oder aus dem Norden, wie Bergfinken und Krammetsvögel.
Auf dem Waldboden raſchelt die flinke Eidechſe und ſchlängelt ſich die Blindſchleiche und die glatte Natter. In den mit Waſſer gefüllten Löchern auf dem Scharlachplateau findet ſich der Kamm⸗ molch und der kleine Molch, die man ſonſt auch in dem jjetzt mit einer Pumpe verſehenen, früher offenen) ſog. Salamanderbrunnen oder der Kuhtränke(hinter dem Dollhäuschen) fangen konnte.
Der kurze Überblick, den ich über den Rochusberg geben wollte, iſt damit beendigt. Möge es mir gelungen ſein, die Bedeutung, die der Rochusberg, dieſes Kleinod unſerer von der Natur mit ſo reichen Gaben beſchenkten Stadt Bingen, für unſeren Unterricht beſitzt, wirkſam geſchildert zu haben.
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