Aufsatz 
Der Rochusberg bei Bingen in seiner Bedeutung für den naturgeschichtlichen Unterricht
Entstehung
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Beſteigt man den von dem verſtorbenen Architekten und Binger Altbürgermeiſter Eberhard Soherr durch Legat geſtifteten, in den Jahren 1887 und 1888 erbauten 21 m. hohen Ausſichts⸗ turm*) auf dem Scharlachkopfe, ſo bietet ſich dem entzückten Auge eine herrliche Rundſicht über Bin⸗ gens nähere und fernere Umgebung, und gleichzeitig erhält man einen trefflichen Ueberblick über den Rochusberg ſelbſt. Im Norden erhebt ſich die gewaltige, trapezförmige Wand des Niederwalds mit dem ſtolzen Denkmal deutſcher Einigkeit und Stärke. An den Fuß des Niederwalds geſchmiegt, durch ihn vor den rauhen Winden des Nordens geſchützt, liegt Rüdesheim vor uns, ſtromaufwärts erblicken wir Geiſenheim mit ſeinen beiden roten Türmen, Winkel, Mittelheim und Oſtrich. Links von Geiſenheim erhebt ſich der weltberühmte Johannisberg mit dem Metternich'ſchen Schloſſe, und über Rüdesheim und Ei⸗ bingen hinaus ſchließt die Hallgarter Zange(580 m.) mit ihrem aus Holz gebauten Ausſichtsturm den Hori⸗ zont ab. Im äußerſten Nordoſten, über den Johannisberg hinaus, ſchauen wir den Großen Feldberg(mit ſeinen 881 m. der höchſte Punkt des ganzen rheiniſchen Schiefergebirges), rechts unmittelbar neben ihm den Kleinen Feldberg(827 m.) und durch einen längeren Sattel von den beiden Feldbergen getrennt den Altkönig 798m), alle drei aus Taunusquarziten beſtehend, wie die übrigen Gipfel der Taunuskammlinie. Auf dem linken Ufer des Rheines ſehen wir Gaulsheim vor uns liegen und Frei⸗Weinheim, wo die Selz mündet. Das breite Silberband des Rheines, von deſſen Spiegel ſich die Rochuskapelle wirkſam abhebt, verliert ſich im Oſten in weiter Ferne. Über das rheinheſſiſche Hügelland mit ſeinen fruchtbaren Fluren ſchweift nun unſer Blick, ſich langſam ſüdwärts wendend. Ober⸗ und Nieder⸗Ingelheim, Gau⸗ Algesheim, Ockenheim mit der Jakobskapelle erſcheinen im Oſten, Dromersheim, Aspisheim, Spons⸗ heim, Büdesheim, Dietersheim, Grolsheim, Genſingen im Südoſten und Süden. Hinter Genſingen ſteigt der Boſenberg(225 m.) aus der Ebene auf. Jenſeits der ſchlangenförmig gewundenen Nahe er⸗ blicken wir die preußiſchen Orte Münſter mit der Ruine Trutz⸗Bingen, Sarmsheim, Laubenheim, Langen⸗Lonsheim und Bretzenheim. Die Porphyrkuppe des Eichelbergs bei Fürfeld, mit 320 m. der höchſte Punkt Rheinheſſens, die Porphyrberge der Gans und der Hart bei Kreuznach, zwiſchen denen die Nahe hervorkommt, werden weit draußen im Süden und Südweſten ſichtbar, während das im Thal gelegene Kreuznach nur durch den Rauch ſeiner Fabriken(beſonders der Glashütte) ſeine Stelle verräth. In blauer Ferne verſchwimmt am ſüdlichen Horizonte der Donnersberg(688 m. hoch), der höchſte der Porphyrberge des Saar⸗Nahegebietes,deſſen mächtiger Rücken den Hintergrund majeſtä⸗ tiſch abſchließt(Goethe). Im Weſten tritt der Hunsrück dicht an die Nahe heran, deren Ufer hier durch die alte Druſusbrücke, die auf den Fundamenten der römiſchen Nahebrücke erbaut iſt, verbunden werden. Die Kirchtürme von Weiler und Waldalgesheim winken von drüben herüber, und die gleiche Höhenlage des Münſterer Kopfes mit dem Scharlachkopf gemahnt uns an die unendlich weit hinter uns liegende Zeit, da Hunsrück nnd Rochusberg noch zuſammenhingen und ein einziges Plateau bil⸗ deten. Wir ſchließen unſere Rundſicht, indem wir unſern Blick nach Nordweſten ſchweifen laſſen, über den Schloßberg mit der Burg Klopp und über die Stadt Bingen hin hinüber zu der Stelle,wo der gewaltige Rhein durch weithinragende Felshöhn kühn ſich gebrochen die Bahn, die das Geſtein ihm verſchloß. Mitten in dem Strome, auf einem mit Gebüſch bewachſenen Quarzfelſen erbaut, er⸗ hebt ſich der Mäuſeturm, rechts, unter der halben Höhe des Niederwaldes, ragt die Ruine Chrenfels gerade an der ſcharfen Biegung des Rheines kühn empor, links im Hintergrunde des Bildes liegt anf der Höhe des Veitsberges das idylliſche Schweizerhaus, zu der(für uns nicht ſichtbaren) Burg Rheinſtein gehörig. Haben wir unſern Blick an dem einzig ſchönen Panorama genugſam geſättigt, ſo dürfen wir uns wieder zu unſerm lieblichen Rochusberge zurückwenden.

Der Rochusberge*) gehört wie der Taunus und der Hunsrück, mit denen er noch im Ter⸗ tiärzeitalter zuſammenhing, zum niederrheiniſchen Schiefergebirg, das ſeiner größten Maſſe nach aus den Stufen des devoniſchen Syſtems beſteht und, wie die übrigen deutſchen Gebirge, archäiſche Ge⸗ ſteine(Granit, Gneis) zur Grundlage hat. Taunus und Hunsrück beſtehen ganz aus Unter⸗Devon, ee, Der Turm iſt ebenfalls wie die Kapelle aus Quarziten, die auf dem Berge gebrochen wurden, erbaut. Zu den Ecken und dem Balkon wurden weiße Sandſteine aus den Flonheiner Steinbrüchen verwendet(otliegende Sandſteine). Die

100 Stufen, die zu der Plattform führen, beſtehen aus Niedermendiger Baſaltlava. Der Kopf des Turms iſt Backſteinbau. *) Bei der folgenden geologiſchen Darſtellung wurden als Quellen benutzt: Lepſius, Geologie von Deutſchland und

Lepſius, Das Man8nzer Becken. Herr Prof. Dr. Lepſius in Darmſtadt katte auferdem die Güte, mir brieflich und münd⸗ lich über verſchiedene Punk e Auskunft zu erteilen.