Aufsatz 
Der Rochusberg bei Bingen in seiner Bedeutung für den naturgeschichtlichen Unterricht
Entstehung
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Zweiter Teil. Der Rochusberg bei Zingen in ſeiner Bedeutung für den naturgeſchichtlichen Unterricht. Von Gottfried Erckmann.

1 Einen weſentlichen Einfluß auf die Wahl der Methode übt beim Naturgeſchichtsunterricht die Jahreszeit aus.

Der Winter, die Zeit, wo die Natur im Schlummer liegt, eignet ſich mehr zu einem ſyſte⸗ matiſch⸗biologiſchen, hauptſächlich die Tierwelt berückſichtigenden Unterricht, der Sommer, die Zeit, wo Flur und Wald zu neuem Leben erwachen, wo draußen alles grünt und blüht, mehr zu einer die Pflanzenwelt in den Mittelpunkt der Betrachtung ſtellenden Behandlung nach Lebensgemeinſchaf⸗ ten. Ein ſtreng ſyſtematiſch vorwärtsſchreitender Unterricht iſt ja auch ſchon aus dem Grunde in der Botanik nicht durchführbar, weil man ſich nach der Flora des Wohnortes und ganz beſonders nach der Aufblühfolge der Pflanzen richten muß. Nun hat aber die Behandlung nach Lebensgemein⸗ ſchaften nur dann einen rechten Wert, wenn die Gemeinſchaft von dem Schüler öfters, womöglich wö⸗ chentlich, beſucht wird, damit der Schüler das Werden und Vergehen in der Natur aus eigener An⸗ ſchauung kennen lernt. Dieſe Ausflüge müſſen aber für alle Schüler verbindlich ſein, denn ſie ſollen ja das Fundament des Sommer⸗Unterrichts bilden. In Berückſichtigung dieſes Geſichtspunktes betrei⸗ ben wir den naturgeſchichtlichen Unterricht an unſerer Anſtalt im Sommerhalbjahre in der Weiſe, daß wir von der ganzen Unterrichtszeit(2 Stunden wöchentlich) die Hälfte für Excurſionen verwenden. Zu dieſem Zwecke liegt die eine der beiden Naturgeſchichtsſtunden jeder Klaſſe auf einem Nachmittage. Jede Excurſion umfaßt etwa 1 ½ Stunden, ſo daß die Schüler, wenn ſie um 4 Uhr den Schulhof verlaſſen haben, gegen ½6 Uhr nachmittags wieder zu Hauſe ſind. Was wir bei unſeren Ausflügen beobachtet und an Ort und Stelle kurz erläutert haben, das findet dann ſeine ausführlichere Beſpre⸗ chung in der folgenden Stunde, die in der Klaſſe gehalten wird. Hier kommt auch neben der Biolo⸗ gie das Syſtem inſofern zu ſeinem Rechte, als die Namen der gefundenen und beſprochenen Pflanzen von den Schülern in ein Oktavheftchen eingetragen werden, deſſen Seiten in Klaſſe VI Datum und Ziel der Excurſion, in Klaſſe V die Namen der Linné'ſchen Klaſſen, in Klaſſe IV endlich diejenigen der natürlichen Familien am Kopfe tragen. Durch die eben geſchilderte Art des⸗ Unterrichtsbetriebs gewinnen wir in den am Standorte beobachteten heimatlichen Pflanzen das Fun⸗ dament, auf dem wir das Gebäude des botaniſchen Unterrichts aufführen, und außerdem ſtellt ein ſolcher, zur Hälfte im Freien abgehaltener Unterricht ein wohlthätiges Gegengewicht dar gegen andere, mehr abſtrakte Unterrichtsfächer und trägt im Verein mit dem Turnunterricht und den an unſerer Anſtalt eingeführten Jugendſpielen*) zur Erhaltung der dem Schüler ſo nötigen geiſtigen Friſche bei.

Das Ziel unſerer Ausflüge iſt meiſtens der Rochusberg mit ſeinen verſchiedenen Ortlichkeiten, ſeltener der jenſeits der Nahe gelegene Binger Wald. Den Rochusberg betrachten wir als eine Le⸗ bensgemeinſchaft, die, in unmittelbarer Nähe der Stadt Bingen gelegen, leicht zu erreichen iſt, und die auf engem Raume vielerlei Lebeweſen vereinigt. Ein Überblick über den Rochusberg ſoll dazu dienen, die Bedeutung desſelben für den naturgeſchichtlichen Unterricht, beſonders für die Pflanzenkunde, näher

*) Vergl.Das Spiel im Stundenplan von Emanuel Schmuck. Jahresbericht der Binger Realſchule von 1891(Nr. 629).