Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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Aber das Prinzip bleibt, und es ist leichter den Zustand zu tadeln, als den Weg zur Abhülfe zu zeigen. Das aber ist immer ein ungelöster Widerspruch, daß im militärischen Ehrencodex das Duell geboten ist, und daß es doch wie ein Vergehen bestraft wird. Ubrigens sind mehr- fach Beispiele vorgekommen, daßs Offiziere aus ansehnlichen Familienkreisen, denen es weder an Mut noch an Achtungswürdigkeit fehlte, lieber ihre Stellung als Offizier aufgaben und sich der bitteren Kritik ihrer ehemaligen Berufsgenossen und ihren Standesgenossen aussetzten, als daß sie gegen ihr Gewissen einen Zweikampf ausfochten, der sie selbst oder ihren Gegner zum Mörder machen konnte. Ein nicht geringer Beweis von sittlichem Mut.

Was den eigentümlichen studentischen Ehrencodex betrifft und die mit ihm zusammen- hängenden Duelle, so erklärt er sich wohl aus der nach der langen Gebundenheit durch die Schul- zucht nun auf einmal ziemlich schrankenlosen Freiheit, die wie ein Rausch eine Uberschätzung der noch nicht in sich gereiften jugendlichen Persönlichkeit bewirkt.

Ein Duell im großen ist nun aber auch der Krieg. Früher gingen Kriege wohl hervor aus der Händelsucht oder dem Ehrgeiz eines Fürsten, jetzt gehört eine solche Entstehung jeden- falls zu den Ausnahmen, die in südamerikanischen Staaten oder bei ganz zurückgebliebenen Kulturzuständen vorkommen. In unserer Zeit ist es im allgemeinen der Nationalgeist der den Krieg macht. Auch Napoleon III. wurde mehr geschoben, als er selbst schob.

Gewikz ist das Nationalgefühl ein edles, ein berechtigtes Element unseres Lebens, und es ist nicht bloß Ehrensache, es ist Pflicht, daß der einzelne, wenn es not ist, sein Leben ein- setze für das Ganze; aber der oft nachgesprochene Ausruf Dunois':

Nichtswürdig ist die Nation, Die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre!

sollte nicht allein im kriegerischen Sinne genommen werden. Die wahre Nationalehre kann auch nur ruhen auf der Würde der Nation. Eine wahrer Würde sich bewußte Nation, wird nicht in Nationaldünkel oder Nationaleitelkeit verfallen und nicht danach ihren Anspruch auf Ehre und ihre Vorstellung von verletzter Ehre abmessen. Jene Ausartung aber zeigt uns die französische Geschichte in nur zu zahlreichen und für uns selbst beschämenden Bildern von Ludwig XIV. bis auf den heutigen Tag. Anders dagegen war es bei uns selbst zu jener Zeit, als Friedrich Wilhelm III. sein Volk aufrief, als Körner und Arndt Schande verkündeten, denen, die zurückblieben vom Kampf, und Ehre dem tapferen Streiter. Da handelte es sich nicht um ein Phantom von Nationalehre, sondern um Existenz und Freiheit, um Sein oder Nichtsein, und allerdings damit auch um die wahre Würde ders Nation. Anders war es auch im Jahre 1870.

Möchten doch dem Götzen des Nationaldünkels keine Opfer mehr gebracht werden! Möchte sich der Mund der Kanonen nur noch öffnen, um freudige Ereignisse weithin zu ver- künden, nicht als ultima ratio der Entscheidüng hadernder Völker!

Schon sind allerdings manche Streitfragen zwischen verschiedenen Staaten durch Schiedsgerichte aus der Welt geschafft, aber das waren doch nur untergeordnete Dinge. Wo es sich um Existenz und Freiheit, um die ganze Würde einer Nation handelt, da wird der Ruf nach einem Schiedsgericht ein frommer Wunsch bleiben. Aber jeder wohldenkende Mensch sollte dazu beitragen das nationale Ehrgefühl von seinen Ausartungen zu reinigen. Doch wir wollen zurückkehren von diesem allgemeinen Gebiet, auf das wir doch nur ein ungenügendes Streiflicht werfen können, auf das private Gebiet.